Afrika und seine Stellung in der heutigen Welt  -  von Nelson Mandela

London
Am Donnerstag, den 6. April 2000, hielt der ehemalige südafrikanische Präsident Nelson Mandela an der London School of Economics (LSE) eine Rede vor einem geladenen Publikum aus Politikern und Würdenträgern sowie Lehrpersonal und Studenten der Hochschule. In den Jahren der Apartheid spielte die LSE eine aktive Rolle bei den Protesten gegen die Ungerechtigkeiten in Südafrika.
Mandela wurde mit stürmischem Beifall begrüßt und nach seiner Rede mit stehenden Ovationen gefeiert. Zum Abschluß der Veranstaltung las der Hofdichter Andrew Motion ein zu Ehren Mandelas verfaßtes Gedicht, und Joan Armatrading und ihre Band mit ihrem mitreißenden Sound sangen ihr Stück The Messenger. Zum Entzücken des Publikums legte Mandela eine improvisierte Tanzeinlage aufs Parkett, woraufhin jeder im Saal aufsprang und mittanzte. Es war spürbar, welche Wärme, Achtung und Wertschätzung diesem großen Weltstaatsmann entgegengebracht wurden. Es folgt eine redigierte Fassung von Mandelas Rede, mit freundlicher Genehmigung der LSE.

Ich bin am östlichen Kap aufgewachsen, in einer ähnlichen Gegend in Südafrika, wie sie [der englische Romancier] Thomas Hardy Ihnen so schön beschrieben hat. Es war eine Welt der mündlichen Überlieferung und der Kräuterarzneien - ein Abszeß wurde mit Umschlägen behandelt, und sauberes Wasser gab es nicht. Magen-Darm-Infektionen, Malaria, Cholera waren weit verbreitet. Das Leben war roh und kurz. Elektrizität oder Automobile kannte ich nicht.

Die Härte und Armseligkeit des Lebens wurde durch eine lieblose Gesellschaft noch verschlimmert. Die Kolonien waren dazu da, vom Mutterland und von denen, die sich hier niederließen, ausgebeutet zu werden. Für die ältere Generation der Ärmsten der Armen war die Erinnerung an die Sklaverei noch ganz frisch, und man sprach darüber nur leise - sie war ein höchst profitables Geschäft, das angeblich abgeschafft worden war. Meine Jugend und die Zeit als junger Erwachsener verbrachte ich damit, gemeinsam mit anderen gegen ein ungerechtes und repressives System zu kämpfen.

Viele der heutigen afrikanischen Führungspersönlichkeiten könnten Ihnen genau das gleiche erzählen. Und wenn Sie die Errungenschaften und Mißerfolge Afrikas beurteilen wollen, dann sollten Sie das immer vor diesem Hintergrund tun. Einer der größten Fehler seriöser politischer Kommentatoren heute ist, daß sie uns nach Maßstäben beurteilen, die für die politischen Meinungsmacher der alten und fortschrittlichen Industrieländer gelten. Sie vergessen dabei, daß unseren Menschen drei Jahrhunderte lang die Privilegien vorenthalten wurden, die für Sie selbstverständlich sind.

Anekdote

Nelson Mandela beendete seine Rede mit einer kleinen Anekdote: "Wenn Sie das Gefühl haben sollten, daß ich Ihren Erwartungen nicht entsprochen haben sollte, seien Sie bitte ein bißchen diplomatischer als diese junge Dame:

Eine junge Dame im Alter von fünf Jahren kam an mein Tor, und die Sicherheitsbeamten sagten zu mir: 'Hören Sie, da ist eine junge Dame draußen, die Sie zu sehen wünscht.' Ich sagte: 'Lassen Sie sie herein.' Daraufhin meinten sie: 'Herr Präsident, sie ist ziemlich vorwitzig.' Ich sagte: 'Genau darum lassen Sie sie bitte herein.' Und was für eine kleine tolle Lady sie war. Ich saß im Salon, als sie, ohne anzuklopfen, hereinstürmte und fragte: 'Wie alt bist du?' Ich antwortete: 'Nun, es tut mir sehr leid, ich kann mich nicht mehr erinnern. Aber ich wurde vor langer, langer Zeit geboren.' Sie fragte: 'Vor zwei Jahren?' Ich sagte: 'Nein, das ist viel länger her.' Dann wechselte sie das Thema: 'Warum bist du ins Gefängnis gegangen?' Ich sagte: 'Ich bin nicht ins Gefängnis gegangen, weil ich es wollte. Ein paar Leute haben mich dazu gezwungen.' 'Wer?' 'Leute, die mich nicht mögen.' 'Wie lange warst du dort?' Ich sagte: 'Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es war eine sehr, sehr lange Zeit.' Dann kam die Frage mit den zwei Jahren wieder. Und als ich sie wieder nicht beantworten konnte, sagte sie: 'Du mußt ein sehr dummer alter Mann sein!' Und dann redete sie weiter, als hätte sie mir ein Kompliment gemacht."

Sie hier haben die besten Schulen des Landes besucht - mit hochqualifizierten Lehrern, mit den geeigneten Lernmitteln in den Klassenzimmern; es wird dieselbe Sprache gesprochen wie zu Hause, die Eltern haben ein hohes Bildungsniveau und können ihren Kindern helfen, komplizierte gedankliche Konzepte schon früh zu verstehen.

Einer der größten Fehler, der heute gemacht wird, ist, uns nach Maßstäben zu beurteilen, die für die politischen Meinungsmacher der alten und fortschrittlichen Industrieländer gelten.

Die Situation der Schwarzen in Afrika sieht jedoch ganz anders aus: Die Kinder gehen zur Schule ohne Unterrichtsmaterial; sie werden in einer Sprache unterrichtet, die nicht die ihre ist, und häufig von Lehrern, die nicht besonders gut ausgebildet sind. Daß ein Kind nach der Schule zu Eltern heimkommt, die überhaupt keine Schulbildung haben, ist der Normalfall. Für arme Kinder gibt es Hafergrütze zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendessen; sie sind unfähig, sich zu konzentrieren. Große Familien auf engem Raum bieten keine Bewegungsfreiheit; ein Kind teilt sein Zimmer mit drei oder vier anderen. Es gibt keinen Tisch, keine Stühle; die Hausaufgaben werden auf dem Boden gemacht.

Das sind die Menschen, die heute in Afrika leben, und ich hoffe, daß Sie das bei Ihrer Beurteilung berücksichtigen. Die Leute, die in Afrika regierten, hatten nie die Gelegenheit, sich dafür ausbilden zu lassen, so wie viele von Ihnen...

Die schwierige Frage ist nur die: Durch welche historische Phase geht Afrika? ... Wir sind davon überzeugt, daß wir uns in einer für Afrika und seine Stellung in der Welt historisch entscheidenden Periode befinden. Wir sind entschlossen, daß dieses 21. Jahrhundert das Jahrhundert Afrikas sein wird.

Um das Ausmaß dessen zu beschreiben, was wir erreichen wollen, lassen sich unsere Herausforderungen nur in Begriffen formulieren, die an große historische Veränderungen in anderen Regionen der Welt zu anderen Zeiten erinnern.

So hat die Idee einer Afrikanischen Renaissance unseren Kontinent erfaßt - mit der großen Resonanz einer Idee, deren Zeit gekommen ist. Die Wiedergeburt, die wir durchmachen, wird nicht wie die europäische Renaissance mit Kolonisation und der Dominanz eines Welthandelssystems enden, das auch auf Sklavenhandel beruhte. Unsere Renaissance wird jedoch mit Problemen fertig werden müssen, die aus den damals geschaffenen historischen Beziehungen Afrikas zur übrigen Welt herrühren - und dies in einer rasch zusammenwachsenden Welt. Ein zweites, dem ersten verwandtes historisches Projekt ist der Aufbau stabiler Institutionen auf einem geeinten Kontinent - politische, ökonomische und soziale Institutionen auf nationaler, regionaler und kontinentaler Ebene.

Unsere Renaissance wird mit Problemen fertig werden müssen, die aus den historischen Beziehungen Afrikas zur übrigen Welt herrühren.

Die schwachen Staaten, die ebenfalls Teil unseres historisches Erbes sind, gehören zu jenen Bedingungen, die es nur allzu leicht machen, daß "Kriegsherren" auftreten, Ethnien mobilisiert werden, um ein Volk in sich bekriegende Kräfte zu spalten, und daraus Spannungen und Konflikte erfolgen, die die Stabilität ganzer Regionen bedrohen können.

Aber diese Entwicklung starker Staaten und Institutionen darf nicht durch diese schreckliche Zerstörung und das Gemetzel zustandekommen, wie Europa vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts es sich angetan hat, bevor es dieses Ziel erreichte. Zum anderen wird das System der multilateralen und internationalen Institutionen, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts geschaffen wurden, um eine Wiederholung solcher Katastrophen zu vermeiden, einen für den Aufbau einer gerechten Welt wichtigen Teil des Waffenarsenals bereitstellen. Dies gilt weiterhin, auch wenn wir versuchen, unsere internationalen Organisationen so zu reformieren, daß sie in der Praxis die demokratischen Prinzipien einer entkolonisierten Welt widerspiegeln.

Die Entwicklung starker afrikanischer Staaten und Institutionen darf nicht durch diese schreckliche Zerstörung und das Gemetzel zustandekommen, wie Europa sich es angetan hat.

Die Vision, die in der Idee einer Afrikanischen Renaissance zum Ausdruck kommt, ist die Vision des Wiederaufbaus und der Entwicklung eines Kontinents Afrika, auf dem sich das Leben der Menschen so beständig und rapide verbessert, daß sich der Lebensstandard dem der übrigen Welt annähert. Es ist auch die Vision eines Afrika, das als gleichwertiges Mitglied in der Welt integriert ist. Afrikas Entwicklung insgesamt nimmt auf der Weltbühne den letzten Platz ein. Das bedeutet für Millionen Menschen jene Mißstände, die Armut und Unterentwicklung mit sich bringen, verheerende Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und HIV-AIDS sowie Bildungsprogramme, die weit davon entfernt sind, das zu leisten, was für eine vollwertige Teilnahme Afrikas an der modernen Wirtschaft und Gesellschaft notwendig wäre...

Wenn wir trotz alledem mit Gewißheit davon sprechen, daß wir unseren lang gehegten Traum einer Wiedergeburt und eines Wiederaufbaus realisieren werden, dann deswegen, weil die Voraussetzungen dazu jetzt vorhanden sind. Dazu gehört auch der Entwicklungsstand der Weltwirtschaft. Sie bringt zwar die Gefahr mit sich, daß sich historisch bedingte Ungleichgewichte festsetzen oder sogar noch verschlimmern, aber sie eröffnet Afrika als Region mit einem riesigen unerschlossenen Potential auch neue Möglichkeiten.

Mit der Befreiung Südafrikas, dem Höhepunkt von Afrikas Kampf gegen die Herrschaft der Kolonialherren und der weißen Minderheit, haben sich die Bedingungen verbessert. Dadurch erhielt der Kontinent eine neue Chance, seine Energien und Ressourcen auf die Gestaltung seiner Entwicklung zu konzentrieren statt auf den Widerstand gegen koloniale und rassistische Unterdrückung.

"... frei zu sein, bedeutet nicht nur, seine Ketten abzuwerfen, sondern auch so zu leben, daß die Freiheit anderer geachtet wird und wächst. Wir stehen gerade am Anfang der wirklichen Erprobung unserer Freiheit." (Aus Nelson Mandela: Der lange Weg zur Freiheit)

Zu den Bedingungen der Regeneration Afrikas gehört auch die in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmende afrikanische Massenbewegung, die sich im Kampf gegen Diktaturen und undemokratische Regierungen formierte. Mitverantwortlich für diese Entwicklung und ihre Impulse ist eine neue Generation afrikanischer Führungspersönlichkeiten - fähige Männer und Frauen, die nicht mehr bereit sind, die gegenwärtigen Bedingungen, unter denen ein gewöhnlicher Afrikaner lebt, als unabänderlich hinzunehmen. Aus diesen Gründen blicken wir auch hoffnungsfroh in die Zukunft. Das heißt nicht, daß wir unsere Probleme beschönigen oder das Ausmaß dessen unterschätzen, was erforderlich ist. Wir wollen damit auch nicht die Tatsache ignorieren, daß wir einige unserer Probleme selbst verursacht haben, was uns die ersten Jahrzehnte unserer Unabhängigkeit gezeigt haben.

Damit unsere Vision Wirklichkeit wird, brauchen wir eine schnelle Industrialisierung, die unsere kaum erschlossenen Ressourcen und unsere strategisch günstige geographische Lage nutzt.

Dies wiederum erfordert ausgedehnte Programme zur Entwicklung der Infrastrukturen für die Erneuerung unserer Städte und für die Bildung unserer Menschen.

In unserer interdependenten modernen Welt wirkt sich das, was in einem Land geschieht, auch auf viele andere Länder aus. Was in Afrika geschieht, hat auch Einfluß auf seine Beziehungen zur Welt. Nachhaltigkeit in Wachstum und Entwicklung erfordert daher Frieden, Sicherheit und Stabilität und die Einigkeit des afrikanischen Kontinents. Frieden ist die stärkste Waffe für die Entwicklung.

In unserer interdependenten modernen Welt wirkt sich das, was in einem Land geschieht, auch auf viele andere Länder aus.

Umgekehrt können Konflikte und Spannungen die Stabilität und Sicherheit untergraben und die Fortschritte verhindern, die wir auf dem Weg der Entwicklung gerade machen wollten. Zuversichtlich stimmt uns, daß Afrikas Führungspersönlichkeiten kreative Wege der Konfliktlösung finden. Wir glauben, daß der Umschwung in Südafrika - von vielen als Wunder gepriesen, doch in Wirklichkeit Menschenwerk - deswegen von großer Bedeutung ist, weil er gezeigt hat, was möglich ist, wenn der Wille und die Voraussetzungen für den Frieden vorhanden sind.

Das immer wieder Schwierige im Leben ist nicht so sehr, andere zu beeinflussen und zu ändern - am schwierigsten ist es, sich entsprechend den Bedingungen, mit denen man konfrontiert wird, selbst zu ändern. Wie ich schon einmal sagte, bestand eines der schwierigsten Probleme für die Menschen im Gefängnis, im Exil und im Untergrund darin, Gefühl und Verstand in Einklang zu bringen. Unser Gefühl sagte uns, daß wir uns unter keinen Umständen mit diesem Apartheid-Regime an einen Tisch setzen sollten, das uns jahrhundertelang die schmerzlichsten Erfahrungen beschert hat, die man sich nur vorstellen kann; es war undenkbar, uns mit unseren Feinden zusammenzusetzen und mit ihnen zu reden. Aber unser Kopf sagte uns, wenn wir uns mit diesen Leuten nicht zusammensetzen, wird unser Land in Rauch und Flammen aufgehen, dann werden unschuldige Bürger ermordet, die Infrastruktur des Landes wird zerstört, und die Entwicklung der Gemeinden geht zu Ende. Das Problem war, beides - unser Gefühl und unseren Verstand - miteinander zu versöhnen. 

Das immer wieder Schwierige im Leben ist nicht so sehr, andere zu beeinflussen und zu ändern - am schwierigsten ist es, sich entsprechend den Bedingungen, mit denen man konfrontiert wird, selbst zu ändern.

Wir sahen uns mit Problemen unter unseren Kameraden und Kollegen konfrontiert und Problemen mit dem Feind, der seit Jahrzehnten verkündete: "Wir werden nie mit Terroristen verhandeln." Wir mußten einen Weg finden, wie sie die Brücke überschreiten konnten, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Weil uns der Ausgleich dieser Gegensätze gelang, konnten wir eine friedliche Transformation herbeiführen und die Untergangspropheten in Verlegenheit bringen, die vorausgesagt hatten, daß es in unserem Land nie einen friedlichen Wandel geben könnte und daß jeder derartige Versuch für Südafrika in einem Blutbad enden würde. Wir haben es geschafft, ihnen das Gegenteil zu beweisen, weil wir es geschafft haben, als erstes und vor allem uns selbst zu ändern. Wer in der Gesellschaft etwas verändern will, muß bei sich beginnen.

Südafrika war immer bereit, bei der Lösung von Konflikten behilflich zu sein, wenn wir darum gebeten wurden, jedoch immer unter der Voraussetzung, daß nur die Konfliktparteien selbst dauerhafte Lösungen erarbeiten können. Ich komme gerade vom letzten Treffen in Arusha [Tansania] und bin zuversichtlich, daß wir kurz vor einem Durchbruch stehen und daß diese Entwicklung Burundi und seinem Volk tatsächlich dauerhaften Frieden bringen wird.

Fragen aus dem Publikum

Jonathan Black, Vorsitzender des LSE-Studentenausschusses: Sie haben so viele Menschen rund um die Welt sehr inspiriert, daß ich mich frage, wer Sie inspiriert hat?

Nelson Mandela: Diese Frage wurde mir schon häufiger gestellt. Sehr oft sagt man dann, daß einen die Mutter oder der Vater inspiriert haben. Leider, wie ich schon sagte, ... wuchs ich in einer Gegend auf, wo Bildung für Schwarze sehr selten war - und meine Eltern sind nie zur Schule gegangen. Sie waren völlige Analphabeten. Inspiriert haben mich Männer und Frauen auf dem ganzen Globus, die sich die Welt als Handlungsbühne gewählt haben und sozioökonomische Zustände bekämpfen, die den Fortschritt der Menschheit behindern, Männer und Frauen, die gegen die Unterdrückung der Stimme der Menschen aufstehen, die Krankheiten, Analphabetentum, Ignoranz, Armut und Hunger bekämpfen. Einige sind bekannt, andere nicht. Das sind die Menschen, die mich inspiriert haben...

Bella Isaacs, LSE-Absolventin: Welche Überlebenstaktik half Ihnen bei all dem, was Ihnen widerfahren ist?

Nelson Mandela: ... Zunächst muß ich einen Irrtum korrigieren, die Annahme, die immer wieder auftaucht, es sei eine Ausnahmeerscheinung, wenn man nicht verbittert wird, oder daß es einem Menschen allein zuzuschreiben sei, daß es in der Politik dieses Landes zu einem totalen Wandel gekommen ist. Wie ich bereits sagte, sind wir im wesentlichen eine Generation von Führungspersönlichkeiten, die als Team arbeiten. Ein einzelner mag ausgewählt werden, um Ansichten mitzuteilen, die auf der sorgfältigen Vorarbeit des Ausschusses beruhen. Gegensätzliche Meinungen werden zunächst geäußert und gründlich diskutiert, so daß jeder, der sie dann noch ablehnt, nachdem wir nach draußen gegangen sind und sie verbreiten, meist seine Glaubwürdigkeit verliert. In einem solchen Umfeld sind wir aufgewachsen, und keiner von uns, auch ich nicht, hat Leistungen erbracht, die er Ihnen als individuelle präsentieren könnte. Wenn Sie möchten, daß ich Ihnen erzähle, was wir als Team gemacht haben und welchen Ansatz in bestimmten Fragen wie etwa dem Umgang mit einem Politiker wir befürworten, dann fiele mir das leichter. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, daß einige von uns nicht alles das geleistet haben, was die Welt meint. Es gibt viele Männer und Frauen, die beispielsweise in der Führung des African National Congress Größeres geleistet haben als ich. Im Gefängnis gab es Leute, die ihre Kollegen mehr inspiriert haben, als ich es vermochte...

Als ich nach Burundi ging ..., wußte ich nicht, was für ein Format die Führer dieses Landes haben. Ich war enorm beeindruckt, daß in den achtzehn Parteien sechs Ingenieure saßen, die in Brüssel, Paris, Deutschland und Rußland studiert hatten, vier Juristen, zwei Ärzte, ein Mathematiker, ein Volkswirtschaftler, ein Wissenschaftler für französische Literatur, ein Biologe und ein Soziologe - alle mit Abschluß. Mit Führungspersönlichkeiten solchen Kalibers haben wir es zu tun, und aus diesem Grund hatte ich von Anfang an das Gefühl, daß wir früher oder später einen Durchbruch schaffen würden.

Südafrika war immer bereit, bei der Lösung von Konflikten behilflich zu sein, wenn wir darum gebeten wurden, jedoch immer unter der Voraussetzung, daß nur die Konfliktparteien selbst dauerhafte Lösungen erarbeiten können.

... Die Entwicklung zu einem dauerhaften Frieden für Burundi und sein Volk macht tatsächlich Fortschritte, weil die beiden Grundbedingungen für einen Frieden allmählich akzeptiert werden. Die erste ist, daß alle streitenden Parteien bereit sein sollten, sich an dem Prozeß zu beteiligen. Die zweite ist die Bereitschaft aller Verantwortlichen, sich auf den Kompromiß zu einigen, daß sie als Bürger Burundis gemeinsame Interessen haben, die wichtiger sind als irgendwelche Differenzen, die sie trennen. Zu den allgemeinen Prinzipien gehört auch, daß absolut nicht toleriert werden darf, daß unschuldige Männer, Frauen und Kinder ihre Freiheit verlieren oder gar massakriert werden, weil die Verantwortlichen unfähig sind, die Kompromisse zu schließen, die für einen Frieden erforderlich sind.

Daß und wie dieses Prinzip in der Geschichte der Menschheit so oft verletzt wurde, ist ein Armutszeugnis für die Regierenden. Was unsere Hoffnung für Afrikas Zukunft bestärkt, ist auch die Art und Weise, wie der Friedensprozeß in Burundi durch die gemeinsamen Anstrengungen von führenden Politikern vieler afrikanischer Länder und die aktive Unterstützung der internationalen Gemeinschaft gefördert wird. Sie haben alle gemeinsam - beraten von und unter der Leitung der Organisation für Afrikanische Einheit - ein kollektives Verantwortungsbewußtsein für den Frieden und die Sicherheit in Afrika bewiesen. Die internationale Unterstützung war für den Friedensprozeß lebensnotwendig und wird auch weiterhin wichtig sein für den Wiederaufbau Burundis, den der Frieden möglich machen wird.

Das ist der Weg des Wiederaufbaus und der Entwicklung Afrikas. Führer, die die Interessen ihres Volkes nicht über die eigenen stellen, können keinen dauerhaften Frieden und daher auch keine nachhaltige Entwicklung erreichen. Kein Land in Afrika kann seine Probleme selbst lösen - noch kann Afrika allein seine Ziele erreichen.

Die ehrgeizigen Programme für wirtschaftlichen Wiederaufbau, für die Friedenssicherung, für Stabilität und Sicherheit sowie für die Bewältigung der Probleme aus den historischen Beziehungen Afrikas zur übrigen Welt erfordern die Zusammenarbeit von gemeinsam souveränen Staaten, den Erlaß von Auslandsschulden und Verhandlungen über gerechte Handels- und Investitionssysteme. Wir brauchen eine kollektive Stimme Afrikas, die die allgemeine Überzeugung wiedergibt, daß der Kontinent tatsächlich auf dem Weg ist, die Lebensbedingungen aller seiner Menschen zügig zu verbessern, und daß Afrika von einem Nebenarm in den Hauptstrom der Weltgeschichte zurückkehrt.

Aus diesem Grund gehört der Aufbau einer Kooperation mit den anderen Ländern des Südens und den Industrieländern des Nordens zu unseren Prioritäten. Aus diesem Grund verfolgen wir mit so viel Nachdruck die Entwicklung unserer regionalen und kontinentalen Organisationen sowie die allmähliche wirtschaftliche Integration. Aus diesem Grund ist die Verankerung der Demokratie für unsere Zukunft von fundamentaler Bedeutung. Afrikas Stellenwert in der heutigen Welt wird davon abhängen, was es für und mit sich tut. Aus diesem Grund glauben wir auch an unsere Entschließung, am Beginn des afrikanischen Jahrhunderts zu stehen...

Ich möchte Sie bitten, die Augen zu öffnen und zu beobachten, was auf diesem Kontinent vor sich geht. Mit wenigen Ausnahmen hat die Demokratie inzwischen in fast jedem Land Einzug gehalten, und diese Entwicklung läßt uns trotz aller Probleme, die noch auf uns zukommen werden - und einige davon sind sehr schwerwiegend - hoffen, daß es bei uns Männer und Frauen gibt, die so hoch begabt sind, daß sie den Herausforderungen des Kontinents begegnen können.