Ehrengast Mandela

Im September 2000 sprach der ehemalige Präsident Südafrikas Nelson Mandela als Ehrengast auf der Jahresversammlung der britischen Labour Party. Bevor er ein Wort sagen konnte, wurde er mit stehenden Ovationen empfangen, die sieben Minuten anhielten. Mandela war der letzte Redner dieser Woche; er dankte der Partei für deren Unterstützung und Solidarität in den Jahren der Apartheid und betonte, daß dieselbe Solidarität bei der Bewältigung der Globalisierungsprobleme vor allem in den Entwicklungsländern notwendig sei. Es folgen Auszüge aus seiner Rede.

"... Heute ist die Welt das globale Dorf, das es einst nur in unseren Wunschvorstellungen gab. Was in einem Teil des Globus passiert, erfährt sofort die ganze Welt und wirkt sich auch auf andere, weit entfernte Länder aus.

Es besteht die Gefahr, daß unter Globalisierung nur der freie Fluß von Waren und Kapital, der offene Zugang zu Märkten, der Abbau von Handels- und Verkehrsschranken verstanden wird. Die Sorge um das Wohl aller, die ein Merkmal der internationalen Solidarität ist, von der wir sprachen, läuft Gefahr, in dem gegenwärtigen Verständnis einer globalen Welt unterzugehen.

Wir würden sagen, daß der durch die Fortschritte in den Kommunikations- und Informationstechnologien schrumpfende Globus uns nur umso mehr verpflichtet, Hüter unserer Brüder und Schwestern zu sein, unabhängig davon, wo in der Welt sie leben... Es ist eine traurige Tatsache unserer Zeit, daß trotz der enormen wissenschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Fortschritte der Menschheit in den meisten Ländern der Welt noch immer Armut und soziale Ungleichheit herrschen...

Die Sorge um das Wohl aller, die ein Merkmal der internationalen Solidarität ist, läuft Gefahr, in dem gegenwärtigen Verständnis einer globalen Welt unterzugehen.

In unserem Land ist Armut noch immer das größte soziale Problem und ihre Auslöschung unsere größte politische und gesellschaftliche Herausforderung. Wir haben eine nicht-rassistische Demokratie erreicht, die auf einer der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt beruht. Unsere ehemals gespaltene Gesellschaft hat in einem Akt nationaler Versöhnung zusammengefunden, die der Garant für die Stabilität unserer politischen Ordnung ist; unsere Unterschiede leben wir jetzt im Rahmen unserer rechtsstaatlichen Demokratie aus. Die Führung unserer Wirtschaft wird weithin dafür anerkannt, wie sie unsere makroökonomischen Basisdaten stabil hält.

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa

Das am Menschen orientierte Wachstum unserer Volkswirtschaft mit neuen Arbeitsplätzen und wachsendem Wohlstand für alle hat jedoch nicht in dem Tempo und dem Umfang stattgefunden, wie wir es uns erhofft hatten, als wir uns auf den Weg zu Wiederaufbau und Entwicklung machten. Das Wachstum einer Volkswirtschaft ist nicht mehr nur eine nationale Angelegenheit. Globalisierung bedeutete hier ganz direkt, daß die besten Pläne einer Nation schiefgehen können durch internationale Faktoren, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen.

Das haben wir auch bei der Finanzkrise in Asien erlebt - wenngleich unsere Wirtschaft diese Krise besser überstanden hat, als die meisten aufstrebenden Volkswirtschaften. 

Das Wachstum einer Volkswirtschaft ist nicht mehr nur eine nationale Angelegenheit.

Das effektive Wachstum einer Volkswirtschaft wie der unseren ist ganz entscheidend angewiesen auf direkte Auslandsinvestitionen; allerdings ist auch häufig zu beobachten, daß bei den Investitionsentscheidungen die politische Stabilität, der soziale Fortschritt und ein vernünftiges Management der Wirtschaft eines Landes ignoriert werden. So wie wir gegen die Apartheid in Südafrika zusammengehalten haben, sind wir heute aufgerufen, uns gemeinsam für Wachstum und Entwicklung einzusetzen.

Die Gesundheit einer Demokratie hängt letztlich von der Vitalität ihrer politischen Parteien und der aktiven Teilnahme ihrer Bürgerschaft ab.

Das demokratische Südafrika maßt sich nicht an, eine Mini-Supermacht in unserer Region, auf unserem Kontinents oder in der Dritten Welt zu sein. Wir haben jedoch erkannt, daß wir eine Verpflichtung haben, gemeinsame Angelegenheiten dieser Regionen zur Sprache zu bringen, wenn wir auf internationaler Ebene agieren...

Die Gesundheit einer Demokratie hängt letztlich von der Vitalität ihrer politischen Parteien und der aktiven Teilnahme ihrer Bürgerschaft ab. Wir wünschen uns, daß die menschliche Solidarität, die die Labour Party schon so lange inspiriert, tatkräftig am Leben erhalten wird. Möge dies ein Jahrhundert werden, in dem die Armen und Ausgegrenzten zu ihrem Recht kommen und die groben sozialen Ungleichheiten der Vergangenheit endlich ausgemerzt werden."

(Quelle: www.guardianunlimited.co.uk)

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa