Swami Nirliptananda über Meditation  -  Interview von Devi Linda Gumahin

Devi Linda Gumahin: Swamiji, was ist das Ziel der Meditation?

Swami Nirliptananda: Meditation ist sehr wichtig. Sie strebt ein sehr hohes Ziel an - uns aus dieser Welt des Leidens in eine Welt des Glücks, der Freude und der Seligkeit zu führen. Sie ist eine Methode, eine Disziplin, der man sehr besonnen nachgehen muß, und wenn wir sie richtig ausüben, können wir erfahren, daß die Meditation uns hilft, uns als das zu erkennen, was wir wirklich sind.

Wir glauben, daß wir der physische Körper, die Sinne, der Intellekt sind, aber wenn wir dies genauer analysieren, werden wir feststellen, daß alle diese Dinge ihre Begrenzungen haben. Durch eine solche Analyse kommen wir meist zu dem Schluß, daß es in uns etwas Profunderes gibt, das wir nicht kennen, und wenn wir uns immer tiefer in die Meditation versenken, kommen wir der Quelle unseres Seins immer näher.

Die Meditation führt uns also wirklich aus der Welt des Leidens in eine Welt der Freude. Die Ablenkung, die wir in der Welt finden, ist den Sinnen zuzuschreiben - es sind alles Sinnesreize, Sinnesobjekte, und wir meinen meist, daß das, was wir Glück nennen, das Vergnügen ist, welches uns diese Dinge bereiten. Aber diese Vergnügungen sind flüchtig, und sie machen uns nicht besser, als wir sind. Im Gegenteil, diese kleinen Vergnügungsmomente, die uns die materiellen Dinge bereiten, lenken unsere Aufmerksamkeit von der wirklichen Quelle reinen Glücks und reiner Freude ab. Allein durch regelmäßige Meditation sind wir in der Lage, diese Quelle unseres inneren Seins anzuzapfen.

Wenn wir uns immer tiefer in die Meditation versenken, kommen wir der Quelle unseres Seins immer näher.

Diese Ablenkungen gibt es also, und wenn wir uns von ihnen lösen, gelangen wir zur Quelle der Meditation. In der Hindu-Philosophie wird diese Quelle als Sat-Chit-Ananda bezeichnet - absolutes Bewußtsein, absolutes Sein, absolute Glückseligkeit. Das sind die drei Merkmale der Quelle des Glücks und des inneren Seins - was wir wirklich sind. Aber wenn wir in diese Welt kommen, werden wir von der materiellen Welt so besessen und von den materiellen Schwingungen so geprägt, daß wir gewöhnlich glauben, wir könnten das, was wir sehen und hören, mit unseren Sinnen analysieren, und dies sei die einzige Wirklichkeit.

Aber wir werden feststellen, daß sich all diese Dinge verändern und unbeständig sind, und wenn wir sie genau betrachten, sehen wir, daß sie nicht die Merkmale des Glücks aufweisen, weil sie unbeseelte Objekte sind und daher nicht eine Quelle des Glücks sein können. Solche Analysen führen gewöhnlich dazu, daß wir herausfinden wollen, wie wir zu dieser Quelle der Meditation gelangen können. Wenn wir uns über einen gewissen Zeitraum der Meditation widmen, können wir - ganz allmählich - diese Quelle erkennen, weil sich unser Denken von der Welt löst, statt von ihr angezogen zu werden. Als Folge dieser Distanz und Übung in der Meditation gelangt unser Denken allmählich immer tiefer in einen reinen Bewußtseinszustand. Indem wir immer tiefer hineinkommen, können wir Frieden und Glück wahrnehmen und auch ein Gefühl der Freude, der Befreiung. Wir alle suchen nach dieser Befreiung - diesem Glück und diesem Frieden, die uns die materielle Welt vorenthält.

Wenn wir ruhig und friedlich in der Meditation sitzen, werden wir nach und nach erfahren, daß sich auch das Denken beruhigt, und wir fangen an, Frieden in uns zu spüren. Mit anderen Worten: Es ist eine Selbst-Entdeckung, die Entdeckung dessen, wer wir wirklich sind - nicht der physische Körper, sondern Sat-Chit-Ananda.

DLG: Gibt es eine bestimmte Zeit für die Meditation?

SN: Wenn wir nicht eine feste Zeit für die Meditation haben, können wir keine Meditationsdisziplin entwickeln. Eine feste Zeit hilft uns, in einen anderen Bewußtseinszustand zu gelangen - eine Art bewußter Disziplin. Vor allem am Morgen ist die Meditation wichtig. Wir merken nicht, wie das Gemüt in der Periode ab vier Uhr früh konditioniert wird. In dieser Zeit der Nacht, in der wir weder völlig wach sind noch völlig schlafen, ist das Gemüt sehr anfällig wird für Dinge, die wir tags zuvor erlebt haben oder die wir vielleicht überhaupt nie erlebt haben. Aber alle diese negativen Schwingungen sind vorhanden, und das Gemüt neigt dazu, sie aufzunehmen, wodurch sie in den Traumzustand gelangen. Zum Zeitpunkt unseres Erwachens ist unser Gemüt von diesen negativen Schwingungen bereits geprägt, und so wird es sehr schwierig, zu meditieren, weil es schwierig ist, sich mit einem dermaßen belasteten Gemüt auf etwas anderes zu konzentrieren.

Am frühen Morgen können wir mit einem noch frischen, klaren, freien Gemüt aufstehen. Dann sind wir in der Lage, es mit positiven Schwingungen, positiven Gedanken zu füllen. Dadurch erleben wir, wie das Gemüt von diesem positiven Denken genährt und gestärkt wird, und das hilft uns, in einem ausgeglichenen Zustand zu bleiben. Deshalb ist die frühe Morgenmeditation sehr wichtig. Um vier Uhr morgens, bevor wir aufstehen, können wir eine, zwei oder drei Stunden meditieren.

DLG: Welche Zeitbegrenzung gibt es für den Anfänger?

SN: Anfänger können dreißig Minuten meditieren; das ist ausreichend. Es ist jedoch für die Meditation nicht allzu hilfreich, wenn wir nur zehn oder fünfzehn Minuten meditieren, weil wir in dem Augenblick, wo wir anfangen, zur Ruhe zu kommen, wieder aufstehen. Wir haben also dem Gemüt nicht genug Zeit gelassen, um zur Ruhe zu kommen. Wir müssen ihm genügend Zeit lassen, sonst können wir uns nicht die notwendige Meditationserfahrung aneignen. Deshalb ist eine bestimmte Zeitdauer sehr wichtig. Bevor wir zu Bett gehen, sollten wir wiederum als letzte Handlung meditieren. Wir sollten ruhig, gelassen, friedlich sitzen und uns erlauben, in Gott aufzugehen. Auf diese Weise werden wir spüren, wie sich das Gemüt entspannt, und wenn wir uns in einem entspannten Zustand schlafen legen, aufgeladen mit positiven Schwingungen, wird unser ganzes Wesen während des Schlafes von dieser Schwingung erfüllt. Am nächsten Morgen stehen wir dann mit einem reinen, frischen Gemüt auf, wir können besser sitzen und angenehmer meditieren. Wir meditieren dann nicht mit einem negativ aufgeladenen Gemüt, das von Neigungen besetzt ist, die uns ablenken und gegen die wir ankämpfen müssen.

Wir sollten ruhig, gelassen, friedlich sitzen und uns erlauben, in Gott aufzugehen.

Wenn wir früh am Morgen und vor dem Schlafengehen meditieren, werden wir erfahren, daß unser ganzes Wesen nach und nach von den geistigen Schwingungen der Meditation durchdrungen wird. Aber das bedeutet nicht, daß wir für den Rest des Tages auslassen können; auch während der restlichen Zeit sollten wir uns gegenüber bewußt sein und die Negativität, die sich einschleicht, wahrnehmen. 

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Wir sollten immer an positive, schöpferische Dinge denken. Wenn uns das gelingt, ist das Gemüt geschützt. Auch ein Mantra trägt dazu bei, es zu schützen. Wenn wir ein Mantra wiederholen und uns auf seinen Klang und seine Schwingungen konzentrieren, werden wir feststellen, daß währenddessen andere Dinge keine Gelegenheit haben, in unser Gemüt einzudringen. Wenn wir das Mantra OM singen - wir können es laut tun, wenn wir allein sind -, werden wir sehen, das dies sehr hilfreich ist. Allerdings muß daraus bald ein mentaler Prozeß werden. Dann kann das Mantra allmählich von innen kommen, von unserem inneren Selbst. Unser Denken wird sich auf diesen Klang einstimmen, und dadurch werden wir von der Welt abgezogen. Auf diese Weise wird das Denken gereinigt.

Wir setzen uns also morgens und abends zu bestimmten Zeiten zur Meditation hin und müssen für den Rest des Tages uns selbst gegenüber achtsam bleiben. Wenn wir eine Uhr oder einen Wecker vor uns aufstellen und uns vornehmen, ein wenig länger zu meditieren und nicht gleich aufzustehen, sobald wir uns etwas unbehaglich fühlen, können wir die Zeitdauer schrittweise verlängern, und nach und nach werden wir in der Lage sein, ohne Beschwerden zu sitzen. Das wird uns beim Üben zweifellos helfen. Es ist sehr wichtig, die Zeitdauer nach und nach zu steigern. Wenn wir uns allzu unbehaglich fühlen, können wir aufstehen, ein wenig herumgehen und unsere Beine strecken. Dann können wir uns noch einmal zur Meditation hinsetzen, und wir werden sehen, daß sich ihre Dauer auf diese Weise verlängert; wir können länger sitzen. Manche Leute haben nicht viel Zeit, aber wir sollten uns Zeit nehmen, da die Meditation eine so wichtige Sache ist und wir nur dadurch Freude im Leben finden. Es gibt Versuchungen, die uns sehr in Anspruch nehmen, aber sie bringen uns keinen Frieden, keine Glückseligkeit oder Freude. Daher müssen wir uns Zeit für die Meditation nehmen.

DLG: Können Sie bitte die richtige Methode erklären?

SN: Es ist am besten, in einer bestimmten Haltung zu meditieren, das heißt, man soll bequem sitzen. Wir neigen zur Annahme, daß ein Kissen bequem ist, aber manchmal kann es sehr unbequem sein, auf einem Kissen zu sitzen, vor allem, wenn es weich ist - es kippt uns gewöhnlich in eine bestimmte Richtung. Am besten sitzt man gerade. Man kann sich auf einer gefalteten Decke niederlassen. Man muß nicht mit gekreuzten Beinen dasitzen - ein Bein auf dem anderen -, aber in einer bequemen, aufrechten Haltung. Dann sitzen wir gelassen, ruhig und stabil, der Körper bleibt ruhig, ohne daß wir einen Körperteil verdrehen oder krümmen müssen, und wir sehen zu, daß wir mindestens fünfzehn Minuten lang in dieser Stellung bleiben können. Wenn uns das gelingt - bewußtes Sitzen in dieser Haltung -, werden wir erfahren, daß sich in uns nach und nach eine innere Entwicklung, eine innere Stärke, eine innere Kraft entfaltet. Denn wenn wir uns entschlossen zur Meditation hinsetzen und den Körper in einer bestimmten Haltung verankern, und diese Haltung, ohne mit den Gliedern zu zucken, bewußt beibehalten, dann hilft uns dieses konzentrierte Bewußtsein, die innere Stärke in uns zu entwickeln. Dann werden wir in der Lage sein, über einen längeren Zeitraum in einem entspannten Zustand zu sitzen.

Sobald wir die richtige Haltung einnehmen, ist es empfehlenswert, ein wenig pranayam - Atemkontrolle - auszuführen, weil eine Verbindung besteht zwischen unserem Atemrhythmus und unserem Gemüt. Wir nehmen eine aufrechte Haltung ein und atmen durch das linke Nasenloch ein, während wir mit einem Finger das rechte Nasenloch verschließen. Durch das rechte Nasenloch atmen wir wieder aus, während wir mit einem Finger das linke Nasenloch verschließen. Dann atmen wir durch das rechte Nasenloch ein und durch das linke aus. Und so fahren wir fort: links ein, rechts aus; rechts ein, links aus. Beim Einatmen zählen wir bis vier. Wir nehmen einen tiefen Atemzug und zählen bis sechzehn, wobei wir den Atem mit verschlossenen Nasenlöchern anhalten. Wir atmen sehr langsam aus, wobei wir bis acht zählen. Wir absolvieren auf diese Weise fünf Runden - immer einmal links und rechts. Im Laufe der Zeit können wir diese Anzahl steigern, müssen aber sehr vorsichtig sein, daß wir es nicht übertreiben. Wenn wir diese kurze Übung beibehalten, werden wir sehen, daß sich unser Gemüt allmählich harmonisiert.

Nach dem pranayam warten wir ein paar Minuten, bevor wir mit der Entspannungsübung beginnen. Dann entspannen wir zuerst unseren linken Fuß, wobei wir mit dem großen Zeh anfangen; dann entspannen, wir nacheinander die anderen Zehen, den Fußrücken, die Sohle, die Knöchel, dann alle Muskeln bis zu den Knien. Wir lösen sehr langsam alle vorhandenen Anspannungen. Und so fahren wir fort bis zur Hüfte. Dann entspannen wir genauso das rechte Bein, dann Unterleib, Bauchnabel, Brust, Schultern, Nacken, die linke Hand, angefangen bei den Fingern, den Handrücken, das Handgelenk, den ganzen Arm bis zur Schulter, desgleichen den rechten Arm. Dann entspannen wir den ganzen Körper bis zum Nacken hinauf, und wir entspannen Kinn, Lippen, Nase und Umgebung, die Wangen, die Umgebung der Augen, die Stirn und den Scheitel. Wir entspannen den unteren Teil der Wirbelsäule und seitlich den Rücken hinauf bis zum hinteren Teil des Nackens und des Kopfes und dann wieder den Scheitel. Wir entspannen den ganzen Körper und betrachten ihn als ein glühendes Licht mit reiner Schwingung, während wir die ganze Zeit das Bewußtsein, die Konzentration der Entspannung aufrechterhalten; wir entspannen alle vorhandenen Anspannungen. Auf diese Weise - indem wir die achtsame Entspannung, ohne mit den Gliedern zu zucken, beibehalten - fangen wir zu meditieren an.

Dann können wir unser Mantra wiederholen, und dabei ist überaus wichtig, daß wir versuchen, den Entspannungszustand zu halten. Die Verbindung von Mantra und Entspannung wird uns helfen, uns von der Welt zu lösen und schließlich auch von unserem Körper. Wenn wir unser Mantra wiederholen, entwickelt sich Bewußtsein, und aus diesem Bewußtsein entsteht Meditation. Die Meditation tritt ein, wenn wir nicht mehr an die Welt oder den Körper gebunden sind. Dann können wir unser Denken auf die Meditation einstellen. Das Denken wird selbst meditativ. Dann funktioniert es nicht mehr auf einer physischen Ebene, sondern in einem höheren, einem reinen Bewußtseinszustand, und wir beginnen, die reinen Schwingungen, die Freude, die Freiheit und den Frieden zu spüren. Wenn wir davon erfüllt sind, können wir lange in diesem Zustand bleiben. Wenn wir zum Ende kommen, bleiben wir noch weitere fünf bis zehn Minuten und lassen die reinen Schwingungen jeden Aspekt unseres Seins durchdringen - dann sollten wir Schweigen wahren, damit wir in diesem Meditationszustand bleiben, wenn wir unsere Arbeit und andere Dinge tun. Auf diese Weise werden wir sehen, daß die Meditation ein ständiger Begleiter wird - und wenn wir ausgehen, wird unser Gemüt von der Welt nicht abgelenkt werden. Om Tat Sat Hari Om.

Swami Nirliptananda ist ein hochrangiger geistiger Lehrer in einem Tempel der asiatischen Gemeinde in London, der mit Maitreyas Lehren sehr vertraut ist.

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