Der Terror des Imperiums - von Christian Parenti und Christopher D. Cook

Die tieferen Ursachen der Katastrophe vom 11. September sind vielschichtig. Zunächst haben wir die Tatsache der erdrückenden Armut in der südlichen Hemisphäre. Nehmen wir beispielsweise den Nahen Osten, vermutlich die Heimat der Selbstmordpiloten. Die Weltbank berichtet, daß dreißig Prozent der Bevölkerung Ägyptens von weniger als zwei Dollar pro Tag leben; im Jemen sind es 35 Prozent. Weltweit gibt es 1,5 Milliarden Menschen, die in "äußerster Armut" leben. Das bedeutet, daß nicht einmal die Grundbedürfnisse gedeckt sind: angemessene Nahrung, Unterkunft und sauberes Wasser.
Es wird noch schlimmer. Ungefähr vierzig Prozent der Bevölkerung des Nahen Ostens sind unter siebzehn Jahre alt, und ein Fünftel aller jungen Männer ist arbeitslos. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in der Region beträgt etwa 2100 Dollar jährlich. (Alle diese Zahlen stammen von der Weltbank, die dazu neigt, die Dinge zu beschönigen.)
Warum dieses Elend? Die Vereinigten Staaten, die an der Spitze der anderen reichen Nationen der nördlichen Hemisphäre stehen, haben seit Jahrzehnten auf einer Politik, die Armut erzeugt, bestanden und damit Staaten genötigt, ihre Ressourcen zu privatisieren und die öffentlichen Mittel drastisch zu kürzen. Das steigert die Arbeitslosigkeit - wodurch Armut, Krankheiten, erzwungene Migration und Umweltzerstörung zunehmen. In Ägypten - dem Heimatland von Mohammed Atta, der das erste Flugzeug ins World Trade Center steuerte - gibt die Regierung lediglich vier Prozent ihres Budgets für die Gesundheitsfürsorge aus. Folglich sterben 8,5 Prozent der ägyptischen Kinder vor dem fünften Lebensjahr.
Die Schuldenkrise schürt diese Armut. Billige Kredite aus der Zeit des Ölbooms der siebziger Jahre wurden faul, als die Zinsen stiegen und die Rohstoffpreise in den frühen achtziger Jahren stark fielen. Seitdem gerieten sehr viele Entwicklungsländer in eine Abwärtsspirale von Wucherkrediten und -zinsen, an der sich die Banken der nördlichen Hemisphäre auf Kosten einer noch mehr verarmenden südlichen Mehrheit bereichern. Im Laufe der letzten siebzehn Jahre hat der Süden eine Gesamtnettosumme von 1,5 Billionen Dollar an ihre nördlichen Gläubiger überwiesen.
"Es gibt jetzt etwa fünfzig Länder, die übermäßig verschuldet sind, ohne in der Lage zu sein, eine positive Änderung herbeizuführen", schreibt Professor Saskia Sassen von der London School of Economics in der englischen Tageszeitung The Guardian. Der Internationale Währungsfonds verlangt von diesen hochverschuldeten Ländern, 20 bis 25 Prozent ihrer Exportgewinne für den Schuldendienst aufzuwenden. "Im Gegensatz dazu", schreibt Sassen, "erließen die Alliierten achtzig Prozent der deutschen Schulden [nach dem Zweiten Weltkrieg] und bestanden nur auf drei bis fünf Prozent Schuldendienst aus den Exportgewinnen."

Armut verursacht Wut und Auflehnung, besonders unter der Jugend. Darauf reagierten die Vereinigten Staaten im Nahen Osten wie auch anderswo damit, daß sie die Linke mit militärischer Gewalt zerschlugen und rechtsgerichteten Regimen den Rücken stärkten. Laut dem US-Außenministerium bestehen achtzig Prozent allen amerikanischen Geldes, das in den Nahen Osten geschickt wird, aus Militärhilfe. Mit diesen Waffen werden Polizeistaaten gestützt, von Saudi-Arabien bis Algerien. Nachdem die Linke besiegt ist, füllen jetzt bösartige Spielarten eines islamischen Fundamentalismus das Vakuum und bieten eine religiöse Gesamtlösung für die Alltagsprobleme der Entbehrung und Unterdrückung an.
All dies erzeugt einen leidenschaftlichen Haß auf die Vereinigten Staaten, der in dem hoffnungslosen Wahnsinn der Selbstmordattentate zum Ausbruch kommt. Atta und seine Landesgenossen trafen selbst ihre grauenhafte Entscheidung, aber sie taten es in einem Umfeld, das auf Schritt und Tritt von amerikanischer Macht bestimmt ist.
Die Reaktion der amerikanischen Regierung auf die Schrecken des 11. September - Bombendrohungen, Sanktionen und ein zeitlich unbegrenzter Krieg gegen "Terroristen" in der ganzen Welt - ist genau die Art von Politik, die diese Katastrophe hervorgerufen hat. Wenn Aggression ein wirksames Abschreckungsmittel gegen Terroristen sein sollte, warum waren dann die neunzehn Flugzeugentführer nicht von vornherein abgeschreckt? Massenvergeltung wird die Probleme, aus denen die vier Selbstmordattentate hervorgingen, nur verschlimmern.
Langfristig gibt es nur eine vernünftige Lösung: damit zu beginnen, das inoffizielle amerikanische Imperium aufzugeben. Das heißt, daß wir aufhören, Despoten zu finanzieren und die Menschen und die Länder der südlichen Hemisphäre auszubeuten. Stattdessen benötigen wir neue Formen internationaler Regulierungen und eine Neuverteilung mit dem Ziel, eine gerechte Entwicklung zu fördern. Es ist einfach: Wir teilen unseren Wohlstand oder hoffen, daß das nächste Ziel nicht ein Kernkraftwerk sein wird.

Christian Parenti ist der Autor von Lockdown America. Christopher D. Cook ist ein preisgekrönter amerikanischer Journalist.