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In der
Juli/August-Ausgabe begann Share International mit einer Artikelserie
von James Quilligan, in der es um eine Wiederaufnahme der Berichte der
Brandt-Kommission geht. In seiner umfangreichen Bestandsaufnahme beurteilt
der Autor die Fortschritte seit Erscheinen der Brandt-Reporte von 1980
und 1983 und liefert eine scharfsinnige Analyse der Versäumnisse
und mittelmäßigen Erfolge bei der Umsetzung der von der Kommission
dringend empfohlenen Maßnahmen.
Um "die Versäumnisse der Weltwirtschaft und die Probleme der
Entwicklungsländer" zu untersuchen, rief im Jahr 1977 der vormalige
deutsche Bundeskanzler Willy Brandt eine Gruppe ehemaliger Staatschefs
und angesehener Persönlichkeiten zusammen. Zwanzig Jahre nach Erscheinen
des Kommissionsberichts Das Überleben sichern: Der Brandt-Report
und eines Folgeberichts Hilfe in der Weltkrise: Der 2. Bericht der Nord-Süd-Kommission
meint Quilligan: "Die internationale Gemeinschaft hatte mehr als
genug Zeit, um darauf zu reagieren, und diejenigen, deren Interesse der
Welt gilt, haben Anspruch auf eine Beurteilung unserer Lage auf
meßbare Ergebnisse, die einen Eindruck vermitteln können, wo
die globale Gesellschaft hinsteuert.
Im folgenden soll der aktuelle Stand der von der Brandt-Kommission genannten
Gebiete gemessen an ihren Empfehlungen bewertet werden.
Am Ende erhält jeder Aktionsbereich eine Note, die uns allen quittiert,
wie weit wir in den letzten zwanzig Jahren die Ziele der Kommission erreicht
haben." Nach den Problemfeldern Hunger, Armut, Bevölkerung,
Frauen, Hilfe und Schulden behandelt Quilligan nun in dieser Folge die
Themen Rüstung und Sicherheit sowie Energie und Umwelt.
Rüstung und Sicherheit
Die Brandt-Berichte wiesen auf die enorme Ressourcenverschwendung durch
die Rüstung hin. Überleben1 forderte die Umstellung von Rüstungs-
auf Zivilproduktion, die Stärkung der UN-Friedenssicherungstruppen,
die Reduktion der Waffenexporte und eine hohe Abgabe auf Waffenhandel,
die in die internationale Entwicklungshilfe geleitet werden könnte.
Außerdem empfahl die Brandt-Kommission mehr Offenlegung im Waffenexport,
damit die internationale Gemeinschaft überwachen kann, wer Waffen
herstellt, verkauft und kauft.
1980 lagen die jährlichen globalen Militärausgaben, angeheizt
durch die Spannungen zwischen den USA und der Sowjetunion, bei annähernd
450 Milliarden Dollar. Heute, lange nach Ende des Kalten Krieges, werden
pro Jahr weltweit 800 Milliarden Dollar für Waffen ausgegeben. Die
Kosten eines umfassenden Programms gegen den globalen Nahrungs-, Sanitär-,
Gesundheits- und Bildungsnotstand würden sich dagegen nach Angaben
der Weltbank auf lediglich 80 Milliarden Dollar jährlich belaufen.
Das Problem, meinte Brandt, besteht darin, die Nachfrage nach Waffen so
zu reduzieren, daß Mittel für die Entwicklung freigestellt
werden können, bevor sie in die Rüstung gehen. Wir neigen jedoch
nicht zu der vereinfachenden Annahme, Einsparungen durch Rüstungsbeschränkungen
könnten ohne weiteres für Entwicklungshilfe umgelenkt werden.
Hierzu sind auch neue politische und wirtschaftliche Prioritäten
erforderlich. (Überleben, S. 1561)
Nach Ansicht vieler wurde weltweit die günstige Gelegenheit verpaßt,
das Ende des Kalten Krieges Anfang der neunziger Jahre zu einer Entmilitarisierung
zu nutzen. Die im Rüstungssektor aktiven Industrien und deren Ressourcen,
Kapital, Forschung und Arbeitskräfte hätten auf die Produktion
der für die Beseitigung von Hunger und Armut erforderliche Ausrüstungen
und Technologien umgestellt und arme Länder damit wieder auf den
Weg der Entwicklung gebracht werden können.
Doch die Vorschläge zur Konversion der Waffenproduktion in eine Produktion
"friedlicher" Güter und von Rüstungsbudgets in Friedensdividenden
waren nur von kurzer Lebensdauer. Mit dem Aufschwung des Welthandels boomten
auch der offizielle zwischenstaatliche und der geheime Waffenhandel.
Auch zu Beginn des neuen Jahrhunderts sind die Militärausgaben ein
großer Belastungsfaktor für alle Volkswirtschaften und ziehen
Mittel für die Entwicklungshilfe ab. Behalten sie ihre Wachstumsrate
bei, werden sie in wenigen Jahren die Marke von insgesamt einer Billion
Dollar jährlich überschreiten.
Die Brandt-Kommission legte auch ein neues Sicherheitskonzept vor. Eines
seiner Mitglieder, Olof Palme, von 1969 bis 1976 Ministerpräsident
Schwedens, leitete die Unabhängige Kommission für Abrüstungs-
und Sicherheitsfragen. 1982 empfahl die Palme-Kommission in ihrem Bericht
Common Security (Palme-Bericht), das militärisch orientierte Sicherheitskonzept
durch mehr internationale Zusammenarbeit, Transparenz, Abrüstung,
Konversion und Entmilitarisierung zu ersetzen. Brandt meinte dazu: Wir
können nur unsere dringliche Bitte dem Wunsch der Palme-Kommission
hinzufügen, daß Abrüstungsbemühungen ernsthaft verfolgt
werden mögen als wichtigster Punkt auf der internationalen Agenda,
damit die Welt befreit wird von der wachsenden Unsicherheit, die aus der
weiteren Verbreitung von Waffen entsteht, und von den unerhörten
Kosten, die inzwischen zu einer unerträglichen Belastung für
die Volkswirtschaften verschiedener Industrie- und Entwicklungsländer
geworden ist. (Hilfe, S. 45f2)
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Bewertung
nach den Empfehlungen der Brandt-Kommission
Die Benotung [1 bis 5, in absteigender Rangfolge] der Aktionsbereiche
erfolgt nach der Effektivität der ergriffenen Maßnahmen
und den Fortschritten gemäß den Kommissionszielen in
den vergangenen zwanzig Jahren seit Erscheinen der Brandt-Reporte.
Hunger 5
Armut 5
Bevölkerung 3
Frauen 4
Hilfe 4
Schulden 4
Rüstung und Sicherheit 5
Energie und Umwelt 3
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Sicherheit wird noch immer in der herkömmlichen Weise als das Hoheitsrecht
einer Staatsregierung definiert, ihr Land vor Bedrohung von außen
zu schützen. Die Landesverteidigung mag ein legitimes Vorrecht des
Staats sein, doch das hatte häufig unglückselige innenpolitische
Folgen, etwa wenn eine Regierung Maßnahmen zur "nationalen
Sicherheit" vorschob, um die Bevölkerung zu destabilisieren
oder zu unterdrücken. Die Brandt-Kommission betonte, daß zuerst
ein neues Sicherheitsverständnis entstehen müßte. Das
rein auf Verteidigung ausgerichtete Sicherheitskonzept sollte erweitert
werden und auch den Schutz vor Hunger, Krankheiten, Armut, Umweltbelastung,
Unterdrückung und Terrorismus mit einbeziehen, da sie die Sicherheit
ebenso bedrohen wie eine militärische Provokation.
Die Kommission stellte fest, daß viele Entwicklungsländer eher
aus Angst als aus echtem Sicherheitsbedürfnis Geld für Waffen
ausgeben. Hinzu komme, daß jede Kultivierung der Rüstung ihr
Fundament, die Volkswirtschaft, aushöhlt. Brandt bemerkte dazu: Da
massive Waffenimporte eine entsprechende Infrastruktur erforderlich machen,
knappe Fachkräfte abzweigen und zusätzliche Devisen für
Ersatzteile nach sich ziehen, erhöht dies alles die Schuldenlast.
(Überleben, S. 154)
Würde nur ein Bruchteil des derzeitigen Aufwands an Geld, Arbeitskraft
und Forschung für militärische Zwecke den Entwicklungsländern
zugute kommen, so sähen die Zukunftsaussichten der Dritten Welt völlig
anders aus. (Überleben, S. 149)
Für mich besteht überhaupt kein Zweifel: Nur ein Ende des Wettrüstens,
das auch in manchen Entwicklungsländern ein erschreckendes Tempo
erreicht hat, wird uns die Möglichkeit geben, die gemeinsame Krise
zu überwinden. (Hilfe, S. 14)
Die größten Erfolge in der Abrüstung wurden durch den
Atomwaffensperrvertrag (1986), den ABM-Vertrag (1972) und die START-Abkommen
(1991 und 1993) erreicht. Über das Atomteststop-Abkommen und die
Konventionen über biologische und chemische Waffen wird noch verhandelt;
man ist hier schon ein gutes Stück vorangekommen. Doch trotz der
vielen Befürworter eines breit angelegten und humanen Konzepts für
die globale Sicherheit existiert noch kein übergreifender Plan, den
die Mehrheit aller Staaten bereit wäre, zu billigen und schließlich
auch umzusetzen.
Nur kollektive Sicherheit kann auch nationale Sicherheit gewährleisten
und ein geeignetes Klima für wirtschaftliche Entwicklung schaffen.
Militäraktionen mit konventionellen Waffen sind nur im wirklichen
Verteidigungsfalle eines Landes oder unter der Fahne der Vereinten Nationen
gerechtfertigt. Massenvernichtungswaffen das heißt atomare,
biologische und chemische dürfen nie von einem Land zur Selbstverteidigung
eingesetzt werden und sollten so bald wie möglich von der Erde verschwinden.
Aber offensichtlich haben sich die Staaten diese Ziele noch nicht zu eigen
gemacht wiewohl alle darunter leiden, daß es noch immer keinen
dauerhaften Frieden gibt. (Note 5)
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