Endlösungen sind ein Trugschluß

von Mark Sommer


Berkeley, USA

Von Washington bis Jerusalem, Neu-Delhi bis Karatschi, Paris bis Amsterdam lassen sich Politiker in ihrer Frustration über das unerträgliche Andauern der Konflikte, die ihren Ländern zu schaffen machen, von treibenden Kräften in und außerhalb ihrer Kontrolle dazu verleiten, nach Endlösungen zu verlangen.
Der indische Premierminister Atal Behari Vajpayee fordert den "Entscheidungssieg" bei den Auseinandersetzungen seines Landes mit Pakistan, die nun schon ein halbes Jahrhundert andauern. Israels Premierminister Ariel Scharon trachtet nach der totalen Vernichtung Jassir Arafats und der Palästinenserbehörde. Radikale Islamisten rufen zum Dschihad auf, um unseren Planeten von den Ungläubigen zu säubern. Sogar das sozialdemokratische Westeuropa sieht auf einmal seine Entwicklung zu einer multikulturellen Gesellschaft von unzufriedenen "Verlierern" gestört, die fürchten, von risikofreudigen Immigranten noch weiter ins Abseits gedrängt zu werden. Vor allem aber ist es Präsident Bush, der in dieser Zeit mit seiner apokalyptischen Politik den Ton angibt, indem er eine unwiderrufliche Entscheidung zwischen "uns" ["US"] und "den anderen" verlangt.
Auch wenn sich die Begriffe und Zusammenhänge je nach Kultur unterscheiden, die Ziele und Obsessionen sind immer die gleichen. In dieser Zeit mit ihren beunruhigenden Veränderungen und verschwimmenden Grenzen kommt eine irrationale Sehnsucht nach Gewißheit und Endgültigkeit auf.
Eigentlich sollten wir es längst besser wissen. Die größten und absurdesten Gesellschaftsexperimente des 20. Jahrhunderts, der Faschismus und der Kommunismus, beruhten auf der fatalen Annahme, daß es tatsächlich ein Ende der Geschichte, eine Endlösung chronischer sozialer Konflikte geben könnte. Und ihre Antwort wurde nicht von historischer Zwangsläufigkeit diktiert, sondern durchweg von dem Wahn machtbesessener Einzelner oder Cliquen, die keine Abweichung von ihren extremistischen Dogmen duldeten.
Nachdem Millionen Menschen dafür ihr Leben hatten lassen mußten, stiegen wir aus den Trümmern ihrer falschen Versprechungen und erkannten nicht nur, daß ihre Antwort falsch war, sondern daß auch jede endgültige Festlegung der Geschichte zwangsläufig der menschlichen Entwicklung mit ihrer innewohnenden Systemlosigkeit auf katastrophale Weise Gewalt antut.
Umso unheilvoller ist es daher, wenn jetzt angesichts der nahezu unerträglichen Ungewißheiten Politiker und bestimmte Kreise der Bevölkerung wieder einmal Totallösungen verlangen, die auf gefährlichen parteiischen Vorstellungen beruhen.
Den Beginn des neuen Jahrtausends kennzeichnen zwei neue, rivalisierende totalitäre Ideologien: der religiöse Fundamentalismus und der Kapitalismus der Konzerne. Ersterer, ob nun in Form eines islamischen oder christlichen, jüdischen oder hinduistischen Fanatismus, ist mit seiner rigorosen Ablehnung aller anderen Glaubensformen und Kulturen relativ leicht als Endlösung in der Sackgasse zu identifizieren.
Der Kapitalismus der Konzerne dagegen sieht sich als – von Natur aus – tolerant, integrativ, flexibel, multikulturell. Da aber die Ära nach dem Ende des Kalten Krieges nur noch von einer Supermacht dominiert wird, wurde daraus ein immer hermetischeres System, das unabhängiges Denken und eigene Vorstellungen genauso effektiv erstickt wie jedes andere orthodoxe System auch. Ob braun, schwarz oder gelb, jeder kann jederzeit mitmachen – nur muß man sich uneingeschränkt der Privatisierung der Erde verschreiben, sonst hat man die Konsequenzen zu tragen.

Unversöhnliche Auseinandersetzungen wirken sich immer deformierend auf die nächste Generation aus.
Endlösungen zu widerstehen, ist die Herausforderung dieser bedrückend unsicheren Zeit. Ob es uns gefällt oder nicht: Uns verbindet ein gemeinsames Schicksal. Endlösungen sind nicht möglich, aber Beziehungen müssen von Grund auf neu definiert werden.

Die Versuchung, der Illusion absoluter Antworten zu erliegen, wird unwiderstehlich, wenn die Streitpunkte zwischen langjährigen Gegnern diesen als unüberwindbar erscheinen. Ab einem gewissen Punkt treibt dann die Illusion der Unvermeidlichkeit die Kombattanten in die Sackgasse. Die streitenden Parteien bilden sich ein – wie Eheleute, die sich gründlich satt haben –, daß nur eine Scheidung der Qual ein Ende setzen kann.
Doch unversöhnliche Auseinandersetzungen wirken sich immer deformierend auf die nächste Generation aus. Wie ein Fluch überträgt sich die gärende Feindseligkeit zwischen den Eltern auf die Kinder und sorgt dafür, daß sie nie voneinander loskommen. Eine Scheidung verschlimmert nur noch die Spannungen zwischen ihnen, da jede neue Begegnung den Streit wieder anfachen kann.
Endlösungen zu widerstehen, ist die Herausforderung dieser bedrückend unsicheren Zeit. Nicht mit Rücksicht auf die hoffnungslose Politik der "kompromittierten Mitte" – die auf Prinzipien verzichtet, nur Zynismus gebiert und verzweifelt nach absoluten Antworten sucht –, sondern weil man einer Wahrheit folgt, die mich und dich, uns und die anderen in einer unruhigen, unvollkommenen, aber auch unauflösbaren Union verbindet. Ob es uns gefällt oder nicht: Uns verbindet ein gemeinsames Schicksal. Endlösungen sind nicht möglich, aber Beziehungen müssen von Grund auf neu definiert werden. Daraus können endgültige Vereinbarungen entwickelt werden, die so ausgewogen und flexibel sind, daß sie dem Hin und Her der Geschichte standhalten können.
Endlösungen und endgültige Vereinbarungen unterscheiden sich grundlegend. Jede endgültige Lösung, die auf der Vernichtung des andern oder auf der Leugnung seiner legitimen Bedürfnisse beruht, wird nicht nur unweigerlich scheitern, sondern auch beiden Seiten über Generationen hinweg Unglück bescheren. Eine endgültige Vereinbarung dagegen, die darauf beruht, daß sie den Kerninteressen jeder Seite gerecht wird und einen gerechten Ausgleich zwischen Verzichten und Vorteilen erzielt, kommt beiden Seiten und allen zugute. Daher brachte auch Hitlers Endlösung seinem Land und der Welt den Ruin, während nach dem Krieg der Marshall-Plan – in aufgeklärtem Eigeninteresse – dauerhaft Frieden zwischen dem demokratisierten Deutschland und seinen ehemaligen Feinden bewirkte.
Wenn George Bush mit seinem selbstkonstruierten Krieg gegen den Terror eine große Reprise des Triumphs über den Faschismus plant, offenbart er damit einen persönlichen absolutistischen Impuls, da die Endlösung, die er anstrebt, sich auf der fatalen, arroganten Annahme gründet, exklusiv im Besitz moralischer Rechtschaffenheit zu sein. Wir täten alle gut daran, uns von derlei Wahnvorstellungen zu distanzieren und stattdessen nach ausgewogenen endgültigen Vereinbarungen zu suchen, da allein diese die Grundlage eines dauerhaften Friedens sein können.

(© IPS)

Mark Sommer, Autor und international tätiger Kolumnist, leitet die wöchentliche US-Radiosendung "Heart of the Matter" (Kern der Sache), die neue Lösungsansätze für seit langem bestehende globale Herausforderungen vorstellt.



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