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Endlösungen
sind ein Trugschluß |
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Berkeley, USA Von Washington bis Jerusalem, Neu-Delhi bis Karatschi, Paris bis Amsterdam lassen sich Politiker in ihrer Frustration über das unerträgliche Andauern der Konflikte, die ihren Ländern zu schaffen machen, von treibenden Kräften in und außerhalb ihrer Kontrolle dazu verleiten, nach Endlösungen zu verlangen. Der indische Premierminister Atal Behari Vajpayee fordert den "Entscheidungssieg" bei den Auseinandersetzungen seines Landes mit Pakistan, die nun schon ein halbes Jahrhundert andauern. Israels Premierminister Ariel Scharon trachtet nach der totalen Vernichtung Jassir Arafats und der Palästinenserbehörde. Radikale Islamisten rufen zum Dschihad auf, um unseren Planeten von den Ungläubigen zu säubern. Sogar das sozialdemokratische Westeuropa sieht auf einmal seine Entwicklung zu einer multikulturellen Gesellschaft von unzufriedenen "Verlierern" gestört, die fürchten, von risikofreudigen Immigranten noch weiter ins Abseits gedrängt zu werden. Vor allem aber ist es Präsident Bush, der in dieser Zeit mit seiner apokalyptischen Politik den Ton angibt, indem er eine unwiderrufliche Entscheidung zwischen "uns" ["US"] und "den anderen" verlangt. Auch wenn sich die Begriffe und Zusammenhänge je nach Kultur unterscheiden, die Ziele und Obsessionen sind immer die gleichen. In dieser Zeit mit ihren beunruhigenden Veränderungen und verschwimmenden Grenzen kommt eine irrationale Sehnsucht nach Gewißheit und Endgültigkeit auf. Eigentlich sollten wir es längst besser wissen. Die größten und absurdesten Gesellschaftsexperimente des 20. Jahrhunderts, der Faschismus und der Kommunismus, beruhten auf der fatalen Annahme, daß es tatsächlich ein Ende der Geschichte, eine Endlösung chronischer sozialer Konflikte geben könnte. Und ihre Antwort wurde nicht von historischer Zwangsläufigkeit diktiert, sondern durchweg von dem Wahn machtbesessener Einzelner oder Cliquen, die keine Abweichung von ihren extremistischen Dogmen duldeten. Nachdem Millionen Menschen dafür ihr Leben hatten lassen mußten, stiegen wir aus den Trümmern ihrer falschen Versprechungen und erkannten nicht nur, daß ihre Antwort falsch war, sondern daß auch jede endgültige Festlegung der Geschichte zwangsläufig der menschlichen Entwicklung mit ihrer innewohnenden Systemlosigkeit auf katastrophale Weise Gewalt antut. Umso unheilvoller ist es daher, wenn jetzt angesichts der nahezu unerträglichen Ungewißheiten Politiker und bestimmte Kreise der Bevölkerung wieder einmal Totallösungen verlangen, die auf gefährlichen parteiischen Vorstellungen beruhen. Den Beginn des neuen Jahrtausends kennzeichnen zwei neue, rivalisierende totalitäre Ideologien: der religiöse Fundamentalismus und der Kapitalismus der Konzerne. Ersterer, ob nun in Form eines islamischen oder christlichen, jüdischen oder hinduistischen Fanatismus, ist mit seiner rigorosen Ablehnung aller anderen Glaubensformen und Kulturen relativ leicht als Endlösung in der Sackgasse zu identifizieren. Der Kapitalismus der Konzerne dagegen sieht sich als von Natur aus tolerant, integrativ, flexibel, multikulturell. Da aber die Ära nach dem Ende des Kalten Krieges nur noch von einer Supermacht dominiert wird, wurde daraus ein immer hermetischeres System, das unabhängiges Denken und eigene Vorstellungen genauso effektiv erstickt wie jedes andere orthodoxe System auch. Ob braun, schwarz oder gelb, jeder kann jederzeit mitmachen nur muß man sich uneingeschränkt der Privatisierung der Erde verschreiben, sonst hat man die Konsequenzen zu tragen.
Die Versuchung,
der Illusion absoluter Antworten zu erliegen, wird unwiderstehlich,
wenn die Streitpunkte zwischen langjährigen Gegnern diesen als
unüberwindbar erscheinen. Ab einem gewissen Punkt treibt dann die
Illusion der Unvermeidlichkeit die Kombattanten in die Sackgasse. Die
streitenden Parteien bilden sich ein wie Eheleute, die sich gründlich
satt haben , daß nur eine Scheidung der Qual ein Ende setzen
kann. (©
IPS)
Mark Sommer, Autor und international tätiger Kolumnist, leitet die
wöchentliche US-Radiosendung "Heart of the Matter" (Kern
der Sache), die neue Lösungsansätze für seit langem bestehende
globale Herausforderungen vorstellt.
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