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Warum Menschen noch immer hungern

In einem langen Artikel der New York Times mit dem krassen Titel "Warum Menschen noch immer hungern" wird die anhaltende Hungersnot in Afrika vor Ort in den Dörfern und im globalen Zusammenhang untersucht. Der Reporter Barry Bearak verbrachte einige Wochen in den Dörfern von Malawi, um den "Mechanismus einer Hungersnot" zu erforschen.
Er beschreibt die Hungerreise einiger Menschen durch die "hungrigen Monate", die Wachstumsperiode von Dezember bis März. Ein Dorfbewohner drückt es so aus: "Es ist unmöglich, sich an den Hunger zu gewöhnen. Die ganze Zeit bewegt sich etwas in deinem Bauch. Du spürst die Leere. Du fühlst, wie deine Eingeweide sich bewegen. Sie sind leer, suchen nach etwas, womit sie sich füllen können." Eine andere Dorfbewohnerin beschrieb, wie dies bei ihrem Mann ablief: "Zuerst schwollen die Füße an, und dann wanderte die Schwellung den ganzen Körper hinauf."
Zum größerem Zusammenhang sagt Bearak: "Selbst kleine Störungen der regelmäßigen Nahrungsmittelversorgung können die Falltür aufstoßen zwischen dem normalen Zustand der chronischen Unterernährung und dem Ausnahmezustand, dem Hungertod." Wenn die Tür erst einmal offen sei, "verstärken Hunger und Krankheit sich gegenseitig, so daß die unsichtbaren Armen in unsichtbaren Massen sterben".
In einem noch größeren Zusammenhang, meint Bearak, muß man sehen, daß die meisten Länder in Afrika von Jahr zu Jahr "ärmer, hungriger und kranker werden". Ihr Anteil am Welthandel und den Investitionen sei weggebrochen. Obendrein "ist das durchschnittliche Prokopf-Einkommen niedriger als in den sechziger Jahren, die Hälfte der Bevölkerung muß von weniger als 65 Cents pro Tag zu überleben versuchen". Die afrikanische Nationen, so Bearak, belegen jetzt die 27 letzten Plätze auf dem Index für menschliche Entwicklung, einer UN-Rangliste, die Gesundheit, Alphabetisierung und Einkommen als Indikatoren berücksichtigt. Durch die schwersten, unmittelbaren Krisen in Äthiopien, Eritrea und Simbabwe kämpfen fast vierzig Millionen Afrikaner mit dem Hungertod, warnt das Welternährungsprogramm und nennt es "ein noch nie da gewesenes Ausmaß an Leid".
In Malawi, sagt Bearak, litten die Menschen, "während sich das Getreide in den Lagerhäusern türmte, aber die Armen hatten kein Geld dafür". Letzten Endes, so meint er, "erstreckt sich die eigentliche Kausalitätskette bis zu den reichen Nationen und ihren gemeinsamen Institutionen - der Weltbank und dem Internationalen Währungsfond (IWF). Sie folgt den ungewissen Höhen und Tiefen der internationalen Rohstoffpreise und Währungskurse - und erreicht natürlich auch die schmalen Zugangswege des Gewissens der Menschheit."
Mit den neunziger Jahren kamen die von der Weltbank und dem IWF geforderten Sparmaßnahmen, "nach dem vorrangigen Prinzip, daß den Armen am besten durch die Effizienz der freien Märkte gedient sei... Im Kleingedruckten der meisten Darlehensverträge wurden die Regierungen verpflichtet, Subventionen abzubauen, Etatkürzungen vorzunehmen und Monopole zu verkaufen." Daraufhin wurden nationale Währungen immer wieder abgewertet und die Fremdwährungsreserven drastisch abgebaut.
Im Falle von Malawi "ist der Preis für einen Sack Dünger in Dollar eigentlich billiger geworden", aber durch die abgewertete Währung "auf das Fünffache gestiegen". Während also Amerikaner, Engländer, Europäische Union, IWF und Weltbank auf dem Abbau von staatlichen Subventionen bestünden, "verteilen die reichen Nationen täglich eine Milliarde Dollar an ihre eigenen Bauern", drücken dadurch die Rohstoffpreise und "untergraben die Wettbewerbsfähigkeit der Entwicklungsländer für den Weltmarkt".
Bearak zitiert dazu eine Bemerkung des Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern, daß "die durchschnittliche europäische Kuh täglich 2,50 Dollar an Subventionen erhält, während 75 Prozent der Menschen in Afrika mit weniger als 2 Dollar auskommen müssen".
In seiner abschließenden Beurteilung schreibt Bearak, daß "Familien hungern, weil sie kein Geld haben. So einfach ist das in den meisten Fällen." Er schreibt, daß Geberländer jetzt wesentlich weniger für Entwicklungshilfe ausgeben als vor zehn Jahren, und "unter den reichen Ländern stehen die Vereinigten Staaten hier an letzter Stelle..."
Bearak beschreibt zum Schluß einen "Trick", der ihm bei seinem Abschied von den Dörfern von Malawi für den Fall verraten wurde, daß er jemals hungern müßte und überleben wollte. "Wenn ich je so hungrig wäre, daß ich nicht mehr arbeiten könnte, so rieten sie mir, gäbe es für fest Entschlossene eine Möglichkeit, den leeren Magen auszutricksen. Binde ein Stück Stoff genau über dem Bauchnabel fest um deinen Leib. Zieh es so fest, wie du kannst." Auf die Weise "kannst du deinen Bauch für einige Stunden überlisten, daß er glaubt, er ist voll".

(Quelle: New York Times Sunday Magazine, USA)


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