Berkeley,
USA
Milliarden von uns schauen offensichtlich hilflos zu, wie die Eliten
der internationalen Wirtschaft und Politik die Weltwirtschaft manipulieren,
um diese ausschließlich ihren Interessen dienstbar zu machen.
Die Regierungsapparate der - sogenannten - demokratischen Welt sind
durch Geld vielerorts so korrumpiert, daß sie nur noch jene Wähler
vertreten, die über die nötigen Mittel verfügen, um sich
ihre Abgeordneten zu kaufen.
Doch wir, die Übrigen, sind nicht zur Hilflosigkeit verdammt. Wir
verfügen sogar über Machtmittel, die weitaus stärker
und effektiver sind als die, die diese unrepräsentativen Regierungen
ihren desillusionierten Wählern bieten.
Jede
Kaufentscheidung für ein Produkt oder eine Dienstleistung wirkt
sich auf die globale Wirtschaft aus, weil damit eine bestimmte Politik
und bestimmte Institutionen begünstigt werden.
Auch wenn
jeder Kauf nur eine winzig kleine Auswirkung hat, genügt schon
eine Verschiebung von nur zwei Prozent der Gesamtnachfrage nach einer
Ware oder Dienstleistung von einer Firma auf eine andere, um die gesamte
Gewinnspanne der ersteren zunichte zu machen. Sanktionen in Form von
Kaufentscheidungen können das Betriebsergebnis grundlegend verändern
und das betroffene Unternehmen zu einem Wandel bewegen.
In den letzten Jahren haben derartige Boykotts die gewünschten
Veränderungen in der Politik von Markenmultis wie Starbucks herbeigeführt
(verkauft jetzt fair gehandelten Kaffee), wie Home Depot (verkauft nicht
mehr Holz aus alten, unberührten Wäldern) und Nestlé
(verzichtet auf Werbung für Säuglingsnahrung in den Entwicklungsländern).
Wenn
wir unsere Macht als Käufer bewußt und kreativ einsetzen,
üben wir letztendlich unsere demokratischen Rechte als Bürger
eines freien Markts aus
und befreien die Weltwirtschaft, die heute von einigen wenigen Privilegierten
geknebelt wird. In einem freien Markt ist unsere Wahlfreiheit ein unveräußerliches
Recht. Individuelle Kaufentscheidungen können nicht von oben kontrolliert
werden. Zudem können wir unsere Kaufgepflogenheiten auch ohne große
Opfer ändern.
Um es mit der Größenordnung und der Macht der Weltwirtschaft
aufnehmen zu können, müssen wir diese Strategie weltweit anwenden.
Wir müssen unsere kollektive Kaufkraft durch eine geschickte Kombination
von Boykott und Kaufentscheidungen so einsetzen, daß eine unverantwortliche
Firmen- und Regierungspolitik bestraft und jene belohnt wird, die einer
gesunden Wirtschaft und Gesellschaft förderlich sind.
Daß die Weltwirtschaft naturgemäß von gegenseitigen
Abhängigkeiten geprägt ist, betrachten manche Kritiker seit
langem als negativ, da die Volkswirtschaften dadurch Kräften ausgeliefert
sind, die sie nicht beeinflussen können. Aber Kräfte fließen
in beide Richtungen. Eine selbst organisierte, aber bewußt koordinierte
globale Käuferschaft könnte zu einem einflußreichen
Wählerblock werden, der die Prioritäten der Weltwirtschaft
verändern kann. Kommunalverwaltungen, große Institutionen
- von Universitäten bis zu Pensionskassen - und auch Personen können
ihre Käufe so aufeinander abstimmen, daß es durch größere
Verkaufsmengen für Firmen rentabel und attraktiv wird, sozial-
und umweltverträglichere Güter und Dienstleistungen anzubieten.
Damit solchen Boykott- und Kaufstrategien auch Erfolg beschieden ist,
müssen sie durch ein vorangegangenes, strenges und fortlaufendes
Prüfungsverfahren abgesegnet werden, das die besten und schlechtesten
Vorgehensweisen der betroffenen Firmen und Staaten in den Kernbereichen
ihrer Aktivität feststellt - etwa Krieg und Frieden, wirtschaftliche
Gerechtigkeit und Wohlstand, ökologische Nachhaltigkeit und soziale
Gerechtigkeit. Es müssen Schlüsselkriterien bestimmt sowie
Meß- und Bewertungsmethoden formuliert und bei veränderten
Gegebenheiten wieder neu evaluiert werden.
Ein Großteil dieser Arbeit ist bereits getan. Zertifizierungssysteme
sowie Prinzipien und Meßsysteme für sozial- und umweltverträgliches
Verhalten wurden auf vielen Gebieten entwickelt und eingeführt.
Nun müssen sie alle nur noch zu einem Konvolut internationaler
Normen zusammengefügt und in Einkaufsführer übersetzt
werden, die Personen und Institutionen eine leicht verständliche
Güteskala bieten.
Für viele, die sich für eine soziale und ökologische
Verantwortung einsetzen, wird es möglicherweise ein schmerzliches
Zugeständnis bedeuten, einem Regimewechsel zuliebe diesen marktorientierten
Ansatz zu akzeptieren - doch Multis wird es weiterhin geben, ob uns
das gefällt oder nicht. Unser Ziel muß es sein, dafür
zu sorgen, daß diese ihren Angestellten, den Kommunen und dem
öffentlichen Interesse gegenüber voll verantwortlich sind
und besser auf die Bedürfnisse der Menschen reagieren.
Eine Strategie, die Boykott und Kaufentscheidung miteinander kombiniert,
bietet genauso viele Belohnungen wie sie Strafen verhängt. Im Gegensatz
zu Raketen zielen präzisionsgesteuerte Sanktionen auf Vorgehensweisen
und stellen es deren Verfechtern gleichzeitig frei, ihre Meinung zu
ändern und im Sinne der Menschen und des Planeten zu handeln. Ihre
Entscheidung, das nicht zu tun, stünde in scharfem Kontrast zu
jenen, die den Wandel freiwillig vollziehen oder schon immer sinnvoll
gehandelt haben. Diese Kombination von Bestrafung und Belohnung verstärkt
die Hebelkraft der Maßnahmen in hohem Maße. Ein Ja und ein
Nein miteinander sind weitaus stärker als ein Ja oder ein Nein
allein.
Es wird Zeit, daß die Demokratie von unten her neu erfunden wird.
Überall auf der Welt können die Bürger die Weichen für
eine lebensbejahendere Politik und Praxis stellen, indem sie über
die Kaufkraft ihre Rechte wahrnehmen. Die
Führung, auf die wir warten, sind wir. Wir müssen bloß
noch erkennen, daß wir tatsächlich in der Lage sind, unser
gemeinsames Schicksal zu bestimmen.
(©
IPS)
Der
Kolumnist Mark Sommer leitet das Mainstream Media Project mit Sitz in
den USA, das es als seine Aufgabe betrachtet, neue Stimmen in die Medien
zu tragen.