| Am 10. Juli 2003 hielt Nelson Mandela in der Queen Elizabeth II Conference Hall in London anläßlich einer Festveranstaltung des Britischen Roten Kreuzes einen Vortrag. Hier folgt eine redigierte Fassung seiner Rede: Das Rote Kreuz nimmt nicht nur in unserem kollektiven Selbstverständnis als global mitfühlende Gemeinschaft einen besonderen Platz ein für mich persönlich und diejenigen, die die Erfahrung politischer Gefangenschaft teilten, war das Rote Kreuz ein Fanal der Menschlichkeit in unserer dunklen, unmenschlichen Gefängniswelt. Daß wir während unserer Gefangenschaft in Robben Island verbesserte Bedingungen bekamen, war in großem Maße dem Druck zuzuschreiben, den die bloße Gegenwart des Roten Kreuzes auf unser Gefängnisregime ausübte. Es spricht für das moralische Gewicht des Roten Kreuzes, daß sich sogar das Apartheidregime, das sich in so vieler Hinsicht gleichgültig gegenüber der Weltmeinung zeigte, von dieser Organisation eingeschüchtert und unter Druck gesetzt sah. Wir können daraus lernen, daß diejenigen, die mit moralischen Grundsätzen, integer und unbeirrt auftreten, nicht die Kräfte der Unmenschlichkeit und Grausamkeit zu fürchten brauchen; das Böse lebt immer in Angst und Gefahr vor einem kompromißlosen Engagement für Gerechtigkeit, Fairneß und menschliches Mitgefühl. Die Genfer Konventionen und ihre Nachfolgekonventionen, die aus dem Internationalen Roten Kreuz hervorgingen, erinnern uns weiterhin eindrücklich an unsere gemeinsame Verpflichtung, für einander zu sorgen, sogar und besonders unter Bedingungen, die das gegenteilige Verhalten begünstigen. Diese Konventionen sind ein Aufruf zu mitfühlendem Multilateralismus. Sie erzählen uns mächtiger als alle politischen Verträge von der Stärke eines Multilateralismus und internationalen Konsenses. Wir sahen uns in den vergangenen Monaten gezwungen, uns nachdrücklich gegen den neuen Unilateralismus auszusprechen. Wir haben öffentlich und privat deutlich zu verstehen gegeben, daß wir in dieser Sache entschieden anderer Meinung sind als Premierminister Blair und Präsident Bush beides junge Staatschefs, die bei uns ansonst in hohem Ansehen stehen. Die diesbezüglichen Differenzen wie sie sich vor allem im Irak-Krieg manifestiert haben beruhen nicht einfach auf politischen Meinungsverschiedenheiten. Ich bin ein pensionierter alter Mann, ohne irgendein Amt oder politischen Einfluß oder den Wunsch nach einem solchen Amt oder Einfluß. Ich habe fast das ganze 20. Jahrhundert durchlebt, in einem Land und einem Kontinent, wo wir fast unsere ganze Lebenszeit dem Kampf gegen eine soziale und politische Hinterlassenschaft widmen mußten, die den Ereignissen des 19. Jahrhunderts entstammte. Es schmerzt mich sehr und erfüllt mich mit großer Sorge um unsere Zukunft, junge politische Staatslenker in Industrienationen des 21. Jahrhunderts auf eine Weise handeln zu sehen, die einige der vortrefflichsten Bemühungen der Menschheit, diese Hinterlassenschaft zu bewältigen, zunichte macht. Das ist der Kern meiner Meinungsverschiedenheiten mit ihnen und meiner Kritik an ihnen. In einer nach wie vor äußerst ungleichen Welt, sowohl in materiellem Sinne wie im Sinne von Macht und Einfluß, sehen wir unsere Hoffnung auf eine geordnete Koexistenz in einer weltweiten Kooperation und einem kompromißlosen multilateralen Vorgehen, um unsere Probleme, Konflikte, Meinungsverschiedenheiten und Herausforderungen bewältigen zu können. Seit fast eineinhalb Jahrhunderten ist das Rote Kreuz ein solches Organ internationaler und multilateraler Kooperation... Wenn man von der großen Rolle spricht, die das Internationale Rote Kreuz gespielt hat, denkt man vor allem an den großherzigen Einsatz in Kriegszeiten. Jetzt ist ein neuer Krieg von globaler Dimension im Gange, den wir in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen dürfen. Wir meinen damit den Krieg gegen HIV/Aids. Aids stellt eine Tragödie von beispiellosem Ausmaß dar, die sich vor allem in Afrika entwickelt, aber auch auf der ganzen Erde ausbreitet und auswirkt. Aids fordert heute in Afrika mehr Menschenleben als die Gesamtsumme aller Kriege, Hungersnöte und Überschwemmungen und auch der Verheerungen, die so tödliche Krankheiten wie Malaria anrichten. Es zerstört Familien und Gemeinschaften, überlastet und erschöpft die Gesundheitsdienste und beraubt die Schulen ihrer Studenten und Lehrer. Das Geschäftsleben leidet unter den Verlusten an Personal, Produktivität und Profit; das Wirtschaftswachstum wird unterminiert, und die kargen Ressourcen unserer Entwicklung müssen abgezweigt werden, um mit den pandemischen Folgen der Seuche fertig zu werden. HIV/Aids hat eine zerstörerische Wirkung auf die Familie, die Gemeinschaft, die Gesellschaft und die Wirtschaft. Die Lebenserwartung ist um Jahrzehnte gesunken, und die Kindersterblichkeit wird sich in den am schlimmsten betroffenen afrikanischen Ländern vermutlich mehr als verdoppeln. Aids ist eindeutig eine Katastrophe, die effektiv die Entwicklungserfolge der vergangenen Jahrzehnte zunichte macht und die Zukunft sabotiert. Es handelt sich wirklich um einen Krieg, einen Weltkrieg, der letztlich uns alle betrifft. Die Entwicklungsländer leiden, wie in so vielen Fällen, am meisten darunter und verfügen gleichzeitig über die geringsten Ressourcen, um mit dieser Bedrohung fertig zu werden... Wir sind, in dieser modernen globalisierten Welt, alle die Hüter unserer Brüder und Schwestern. Wir haben diese ethische Verpflichtung allzu oft mißachtet. Das Internationale Rote Kreuz war in dieser Hinsicht sowohl unser Gewissen als auch eine Quelle der Versöhnung... Ich wünsche Ihnen, daß Sie durch Ihren mutigen Einsatz dieses dritte Jahrhundert noch als dasjenige erleben werden, in dem alle Menschen auf der Erde sich endlich eines besseren Lebens erfreuen können. (Quelle: British Red Cross, GB). |