FARM-Africa (Food and Agricultural Research Management) ist eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Großbritannien, deren Ziel es ist, die ärmsten afrikanischen Bauern und Hirten aus ihrer Armut herauszuholen. Bei Projekten in Äthiopien, Kenia, Südafrika, Tansania und Uganda arbeitet die Wohlfahrtseinrichtung partnerschaftlich mit den Randgruppen der Kleinbauern und Hirten zusammen, um die Bewirtschaftung ihres Landes zu verbessern.
Über achtzig Prozent der afrikanischen Bevölkerung sind Bauern, die von Nahrungsmittelanbau und Viehhaltung abhängig sind. FARM-Africa weiß durch die Zusammenarbeit mit den Bedürftigsten, daß Afrikas ärmste Kleinbauern und Hirten ihre Lebensumstände drastisch verbessern können. Die Organisation ist überzeugt, daß Afrika die Fähigkeit und die Ressourcen besitzt, seine Bevölkerung zu ernähren und daß mit der richtigen Unterstützung die Vision eines "blühenden ländlichen Afrika" erreichbar ist.
FARM-Africa gehört zu den 463 Organisationen, die sich zur "Make Poverty History"-Kampagne ("Weltweite Aktion gegen Armut") zusammengeschlossen haben. Sarah Gillam von FARM-Africa wurde von Gill Fry für Share International interviewt.
Share International: Wann wurde FARM-Africa gegründet, und worin besteht Ihre Haupttätigkeit?
Sarah Gillam: Wir begannen 1985 anläßlich der äthiopischen Hungersnot, arbeiteten aber zunächst mit Kamelhirten im Norden von Kenia. Etwas später fingen wir dann mit einem Ziegenprojekt in Äthiopien an. Sir Michael Woods, der Gründer von AMREF, des Fliegenden-Ärzte-Dienstes in Kenia, startete das Projekt nach seiner Pensionierung zusammen mit David Campbell, der damals der Ostafrikaleiter von OXFAM war. Michael hatte erkannt, daß viele der Krankheiten, die er im Laufe seiner Arbeit behandelt hatte, mit einer besseren Ernährung hätten vermieden werden können. Wir arbeiten hauptsächlich in drei Bereichen: kleinbäuerliche Landwirtschaft, Wanderbeweidung (mit Hirten) und Forstwesen.
SI: Sie arbeiten also praxisbezogen und direkt vor Ort?
SG: Ja. Es geht darum, innovative Technologien und Methoden auf die Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen zu übertragen. Wir arbeiten mit Menschen, die als die Ärmsten der Armen gelten. Zum Beispiel arbeiten wir bei der Förderung der Kleinbauern auch mit Forschungsorganisationen zusammen, die nach neuen krankheitsresistenten, (aber nicht genmanipulierten) Sorten von Feldfrüchten forschen, wie neue Maniok- oder Süßkartoffelarten. Ein neues Projekt widmete sich dem Problem des Mosaikvirus an Maniokpflanzen. Der Ertrag war von acht Tonnen pro Morgen Land auf nur eine Tonne gefallen. In Zusammenarbeit mit einem Forschungsinstitut in Uganda haben wir dann den Bauern drei oder vier neue Sorten dieser Pflanzen vorgestellt, die sie in Feldversuchen anbauten, sie auf Produktivität und Geschmack prüften, um die besten Sorten auszuwählen. Jetzt haben sie einen Überschußertrag, den sie verkaufen und zu Mehl zur Herstellung von Brot und Krapfen verarbeiten. Dieses Projekt hat auch japanische Geldgeber interessiert. Die Japaner waren so beeindruckt von dem bisher Erreichten, daß sie Geld zum Bau einer kleinen Fabrik zum Trocknen und Mahlen von Maniok bereitstellten. Das ist ein Beispiel für die Entwicklung der Kleinbauern.
SI: Wie helfen Sie den nomadisierenden Bauern?
SG: Wir arbeiten mit nomadisierenden Hirten, die Vieh besitzen, vor allem in Afar in Äthiopien. Wir haben mobile Außenlager, die über einen Tierarzt und einen Tierarzthelfer aus der Gemeinde verfügen. Die Lager reisen den Viehhirten nach und helfen, neue Methoden für die Arbeit mit ihren Herden einzuführen. Vor einiger Zeit gab es dort beispielsweise in einem Weidegebiet eine Dürre, also richteten wir ein mobiles Schlachtlabor ein, um die schwächsten Tiere auszusondern und die weiblichen Tiere für die Zucht zu erhalten, damit die Hirten nach Ablauf der Krise ihre Herden wieder aufbauen können.
SI: Könnten Sie Ihre Arbeit in den Waldgebieten schildern?
SG: Wir fördern in Äthiopien und Tansania die Waldbewirtschaftung durch die Gemeinden. Etwa 200 000 Hektar Wald gehen jedes Jahr in Äthiopien infolge des Bevölkerungswachstums verloren, da die Bäume als Brennmaterial gefällt werden und Land für die Entwicklung der Landwirtschaft gerodet wird. Das hat eine erhebliche Auswirkung auf die Bodenerosion sowie auf das Klima. Wir arbeiten mit Gemeinden zusammen, die entweder in oder in der Nähe von Wäldern leben. In Zusammenarbeit mit der Regierung haben wir den Gemeinden rechtsgültig Waldsektionen zugeteilt, die sie jetzt besitzen und um die sie sich kümmern. Wenn jetzt jemand kommt, um den Wald abzuholzen, sind sie durch die Rechtsabkommen zwischen den Gemeinden und der Regierung geschützt.
Ein anderes Projekt, das wir mit ihnen in Angriff nehmen, besteht darin, ihren Lebensunterhalt zu diversifizieren, so daß sie inzwischen etwa auch mit Bienenzucht beginnen können. Sie haben bereits etwas Landwirtschaft und besitzen einige Hühner, wir sorgen also dafür, daß ihre Einkommensmöglichkeiten vielfältiger werden und nicht mehr auf den Wald beschränkt sind.
SI: Worin besteht Ihre Arbeit für eine Landreform?
SG: Wir arbeiten an einer Landreform in Südafrika, betreiben im Noordkaap ein Entschädigungsprogramm, wobei Land an Menschen zurückgegeben wird, denen es zuvor weggenommen wurde. Es wird auch Land aufgeteilt, um es Menschen vor allem in ärmeren Gemeinden zu geben, und wir haben den Leuten geholfen, ihr neues Land zu bebauen.
Eines der Probleme in Südafrika, das auch das Entschädigungsprogramm betrifft, besteht darin, daß viele Menschen, die vor fünfzig oder sechzig Jahren Land besaßen und unter der früheren Apartheidregierung vertrieben wurden, mitunter in eine 100 bis 200 Kilometer von ihrer Heimat entfernte Gegend umgesiedelt wurden. Nun haben sie ihr Land legal zurückbekommen, aber viele können nicht dort leben und müssen (über große Distanzen) pendeln, was eine ziemliche Belastung ist.
SI: Bekommen sie finanzielle Unterstützung?
SG: Wir geben niemandem Geld, stellen aber beispielsweise Schafe und Ziegen zur Verfügung. Wir geben einer Familie zwei einheimische Ziegen und kreuzen sie dann mit einer britischen Toggenbergziege, um eine Mischung fünfzig zu fünfzig zu erhalten. Wenn man sie wiederum kreuzt, entsteht eine Mischung aus drei Vierteln Toggenbergrasse und einem Viertel der einheimischen ostafrikanischen Ziegenart was eine sehr zähe Milchziege ergibt, die ungefähr vier Liter Milch pro Tag liefert. Die Besitzer geben die ersten zwei weiblichen Zicken einer anderen armen Familie und züchten weitere Ziegen.
SI: Wie entscheiden Sie, wer eine Ziege erhält?
SG: Die Gemeinde wählt die Leute selbst aus. Die Stammesführer und Gemeindevorsteher treffen sich und sehen, wer in besonders großer Not ist oft eine Witwe. Sie haben in der Gesellschaft eine sehr schlechte Stellung und sind häufig ohne größere Unterstützung sich selbst überlassen. Frauen, die allein leben oder einem Haushalt vorstehen, kommen in unseren Programmen oft vor. Auch ältere Leute oder junge Menschen, deren Eltern an Aids gestorben sind es gibt ganz unterschiedliche Personen, die wirklich an der Armutsgrenze leben.
Die meisten Menschen, mit denen wir arbeiten, leben auf dem Land: Sie haben keine Elektrizität, kein fließendes Wasser, kein Abwassersystem, sie müssen meist drei oder vier Stunden gehen, um Wasser aus einem Loch in einem trockenen Flußbett zu schöpfen die ganze Familie ist mit Benzinkanistern unterwegs, in denen sie das Wasser transportieren.
Sehr wenige Menschen essen Fleisch, es ist ein Luxus, und was sie zu essen haben, ist äußerst karg. Sie essen nur Gemüse, eine sehr einseitige Kost, die meist aus Maniok oder Maismehl besteht, stärkereichen Nahrungsmitteln. Das ist so, als würde man immer nur Kartoffeln essen. Die meisten Leute haben einen halben bis zwei Morgen Land und pflanzen verschiedene Feldfrüchte an: Süßkartoffeln, in einigen Gebieten Mais oder Sorghum und in Äthiopien Teff. Manche haben auch einen Zitrus-, Mango- oder Nußbaum, mitunter einen Avocado- oder Pawpawbaum.
SI: Gibt es Schulen in der Region?
SG: Die Schulen sind oft eine Gehstunde entfernt. Die Kinder gehen barfuß auf schlammigen Trampelpfaden. Aber in Kenia zum Beispiel gibt es inzwischen allgemeine Primarschulen, die Kinder bekommen also eine etwa achtjährige Schulausbildung umsonst. Wenn sie in die Sekundarschule gehen, müssen sie Gebühren bezahlen.
SI: Könnten Sie etwas über die "Make Poverty History"-Kampagne sagen, und warum Sie ihr beigetreten sind?
SG: Wie Sie wissen, handelt es sich um eine große Koalition. Wir unterstützen folgende Ziele: Handelsgerechtigkeit, Schuldenerlaß und mehr und bessere Hilfe. Natürlich unterstützt jede Organisation eine Sache mehr als eine andere, weil alle unterschiedliche Schwerpunkte haben. Unser Anliegen ist vermehrte und bessere Hilfeleistung. Weil wir mit Basisorganisationen und Menschen, die wirklich ziemlich arm sind, zusammenarbeiten, sind diese Leute nicht in den internationalen Handel eingebunden. Unser Beweggrund ist, den Leuten zu helfen, sich besser zu ernähren.
Es geht uns vor allem um vermehrte und zielgerichtetere Hilfe, also nicht bloß um bilaterale Maßnahmen von Regierung zu Regierung, sondern es profitiert auch die Zivilgesellschaft davon. Wenn die Menschen Nichtregierungsorganisationen Geld geben, geht es direkt an die Gemeinden, und die Erfolge sind ziemlich schnell zu erkennen. Wir setzen uns für vermehrte derartige Hilfe ein. Bilaterale Hilfe ist einfacher, aber gezielte Hilfe, obwohl es kostspielig sein mag, sie sorgfältig zu überwachen, ist wahrscheinlich wirkungsvoller. Wir setzen uns auch dafür ein, daß die britische Entwicklungshilfe den britischen Bürgern gegenüber rechenschaftspflichtig sein sollte, so daß wir wissen, wie unser Geld unsere schwerverdienten Steuern ausgegeben wird, und daß die Bürger in Afrika auch wissen sollten, wofür die Entwicklungshilfe eingesetzt wird.
SI: Ist die Ausrottung der Armut möglich und in welchem Zeitrahmen?
SG: Solange sich die Dinge nicht drastisch ändern, wird die Armut im südlichen Afrika voraussichtlich leider zunehmen; tatsächlich schätzt die Weltbank, daß die Anzahl der Armen in Afrika und im Nahen Osten zwischen jetzt und 2015 steigen wird, und wenn der gegenwärtige Trend anhält, werden die wichtigsten der sogenannten Millenniumsentwicklungsziele, die von den Vereinten Nationen aufgestellt wurden, bis 2015 nicht erreicht werden. Zum Beispiel werden zwei dieser Ziele die Anzahl der Menschen, die in absoluter Armut leben, und die Anzahl der Menschen, die Hunger leiden, zu halbieren nach dem gegenwärtigen Trend nicht erreicht werden. Die weltweit gesehen schlimmste Armut herrscht in Afrika südlich der Sahara, wo fast die Hälfte der gesamten Bevölkerung von weniger als einem Euro am Tag lebt.
SI: Auf welche Weise können die Menschen einen Wandel einfordern und sich dafür engagieren, den nötigen politischen Willen zu schaffen?
SG: Indem sie die Kampagne unterstützen, ihren Abgeordneten schreiben, Krach machen. Indem sie beispielsweise Tony Blair schreiben wozu "Make Poverty History" die Menschen ermutigt hat , indem sie mit den Abgeordneten ihrer Wahlkreise Verbindung aufnehmen und Einfluß ausüben.
SI: Glauben Sie, daß Demonstrationen effektiv sind, um den Willen der Bevölkerung bekanntzumachen, und nehmen Sie an der Demonstration zur G-8-Konferenz in Schottland teil?
SG: Ja, das glaube ich und wir werden natürlich am 2. Juli in Edinburgh und am 6. Juli in Gleneagles sein. Wenn sie keine Stellungnahme zu hören bekämen und niemand dort erschiene, würden die G-8 meinen, daß es an Interesse mangelt. Wir lassen sie wissen, daß es ein gewaltiges Interesse am Inhalt ihrer Gespräche gibt.
Weitere Informationen: www.farmafrica.org.uk