Die Kunst zu leben
von Benjamin Creme


Fragen und Antworten mit Benjamin Creme – 2. Teil

"Die Kunst zu leben" war das Thema von Benjamin Cremes Vortrag auf der amerikanischen und der europäischen Transmissionsmeditationstagung 2005. Er wurde in der Januar/Februar-Ausgabe 2006 von Share International veröffentlicht. Der erste Teil der auf den Tagungen behandelten Fragen und Antworten zu diesem Thema erschien in der März-Ausgabe. Es folgt eine Auswahl der in der April-Ausgabe 2006 des Magazins Share International veröffentlichten Fragen und Antworten.
Konditionierung


F: Wie kann man die Konditionierungen des täglichen Lebens in die Kunst zu leben verwandeln?

BC: Indem man die Konflikte löst, die einen daran hindern, Gelassenheit zu entwickeln. Entweder sind wir abhängig oder wir sind frei – das eine oder das andere. Konditionierung ist Sklaverei, ist Mangel an Freiheit. Freiheit ist der gegebene Zustand. Konditionierungen verwandeln diesen Zustand in Sklaverei. In einem Konfliktzustand sind wir abhängig. Überwinden wir den Konflikt, sind wir plötzlich in einem Zustand der Harmonie. Dann entdecken wir einen weiteren Konflikt und gehen tiefer. Das geschieht aber nicht an einem Tag.
Ich kann Ihnen keinen irgendwie nützlichen Tipp geben, was Sie auf die Schnelle tun könnten, um danach frei zu sein. Was im Menschen von Dauer ist, kommt niemals auf diese Weise zustande.
Unsere tiefgehenden Konditionierungen sind ein langer Prozess, und daher muss man an sich arbeiten, um sich zu "entkonditionieren". Das Leben an sich bringt Konditionierungen mit sich. Wir sind menschliche Wesen und deshalb auf dem Planeten Erde. Wären wir zum Beispiel auf der Venus oder dem Merkur und Eingeweihte achten Grades, dann wären Konditionierungen überhaupt kein Thema.
Wir konditionieren uns gegenseitig, unsere Kinder und andere. Das ist alles Teil des Lebens, wie wir es leben. Die Entkonditionierung befreit uns von der Konditionierung und somit von den Abhängigkeiten. Das ist ein Prozess; Sie können nicht beschließen: "Von nun an werde ich gelassen sein." So geht das nicht. Je mehr Sie an sich arbeiten, um so mehr wächst die Gelassenheit.
Sie verzichten auf ihr Bedürfnis nach Abhängigkeit. Wir brauchen unsere Abhängigkeiten, weil wir unsere Konditionierungen brauchen. Sie befriedigen uns aus einer astral/emotionalen Perspektive. Deshalb müssen wir die Abhängigkeiten der astralen Ebene überwinden – zuerst der physischen, dann der astralen, dann der mentalen Ebene, bis wir auf allen drei Ebenen entkonditioniert sind. Das bedeutet, immer weniger abhängig zu sein. Das sind alles Abhängigkeiten, die sich aus Erfahrungen herausgebildet haben.
Ich denke nicht, dass auf der Welt noch jemand auf der physischen Ebene polarisiert ist. Der Großteil der Menschheit ist auf der Astralebene polarisiert. Das bedeutet, dass dort ihr Bewusstsein verankert ist. Die Abhängigkeiten, die durch unseren Fokus auf die Astralebene entstehen, durch die Identifikation mit unseren Gefühlen (die wir für wirklich halten, die aber ganz und gar unwirklich sind wie Träume), konditionieren uns. Die Erfahrungen der Astralebene sind irreal. Sie sind nichts weiter als Gedankenformen.
Wenn wir mit der Gedankenform ein Gefühl verbinden, sind wir davon abhängig. Es wird jedes Mal ausgelöst, wenn uns etwas an diese Erfahrung erinnert. Es löst die gleiche Reaktion aus und erzeugt damit eine Abhängigkeit. Konditionierung ist ein anderes Wort für Abhängigkeit.
Das Gleiche machen wir auf der Mentalebene. Dort können wir es allerdings schwerer erkennen, weil die Abhängigkeiten bei den meisten von uns emotional sind. Man nennt das Verblendung oder Illusion, aber erst wenn wir die Illusion sehen, uns ihrer bewusst sind, können wir uns entkonditionieren.
Abhängig zu sein und konditioniert zu sein, ist also dasselbe. Sie sind Teil der Unwirklichkeit, die wir Leben nennen. Aber wir müssen durch die Unwirklichkeit gehen, weil dadurch unsere Erkenntnisfähigkeit wächst. Wenn unsere Erkenntnisfähigkeit jedoch auf die Astralebene beschränkt ist, dann leben wir in dieser Verblendung, in dieser Illusion, was unseren Lebensinhalt betrifft. Das wirkliche Leben ist etwas ganz anderes als das, was die meisten Menschen empfinden, weil sie alles auf der Astralebene erleben. Jede Erfahrung wird in astrale Materie eingehüllt – in die Gedankenformen, die uns an die Astralebene binden. Wir erzeugen die Astralebene aus unseren Gedankenformen.

F: Wie kann man Kindern die Kunst zu leben und die Gesetze des Lebens beibringen, ohne sie zu konditionieren?

BC: Versuchen Sie es erst gar nicht. Lassen Sie Ihr Kind in Ruhe. Hören Sie auf, es zu schlagen, wenn es etwas macht, was Sie ärgert. Was wir ihm antun, kommt vor allem daher, dass wir die Welt eines Kindes nicht verstehen. Sie bringen ihm die Gesetze des Lebens nicht bei, wenn Sie sagen: "Hast du heute schon über Benjamin Cremes Gesetze des Lebens nachgedacht? Ja? Und was hast du herausgefunden?" "Ich weiß jetzt, dass es nicht seine Gesetze sind. Er hat sie von einem Meister bekommen!" "Braver Junge. Jetzt darfst du noch einen Keks essen."
Ein Kind sollte nicht einmal wissen oder erkennen, dass Sie ihm die Gesetze des Lebens beibringen. Es liegt an Ihnen, dass Sie erkennen, wann Sie ein Kind konditionieren, und dass Sie nicht versuchen, ihm beizubringen, dass Maitreya in der Welt ist und dass es, wenn es zwölf ist, "wie Mami und Papi" Transmissionsmeditation machen darf.
Vermitteln Sie dem Kind ohne Druck, möglichst nichts und niemanden zu verletzen, und das gelingt Ihnen, wenn Sie sich dem Kind gegenüber auch genauso verhalten. Das Kind tut, was Sie tun. Wenn Sie sich harmlos verhalten, macht das Kind es ebenso. Wenn Sie verletzend sind und obendrein noch glauben sollten, Sie seien völlig harmlos, wird sich das Kind genauso verhalten. Wir geben das ständig weiter.
Muße, Einfachheit und die Kunst zu leben

F: Wie kann man in der täglichen Hektik eine Haltung der Muße entwickeln?

BC: Muße ist keine Haltung. Muße bedeutet, Zeit für das zu haben, was man tun will, was einen so sehr beschäftigt, dass man es unbedingt tun will. Jeder will in Urlaub gehen. Das scheint alle am meisten zu bewegen. Für mich bedeutet Muße nicht, in Urlaub zu gehen, ins Ausland zu reisen und Flugzeuge zu besteigen, sondern nach oben in mein Atelier zu gehen, die Tür zu schließen, mich hinzusetzen und mir anzusehen, was ich gemacht habe. Das ist Muße – die Zeit zu haben, der zu sein, der man ist.
Wenn die Menschen heute einer Arbeit nachgehen, sind sie dabei meistens nicht der, der sie sind. Es ist eine Parallelexistenz. Es ist ihr zweites Leben oder ihre zweite Persönlichkeit, die sie aufgebaut haben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und in dieser Gesellschaft – korrupt, wie sie ist – zu leben. Wir müssen in ihr leben. Wir müssen hier sein. Auszusteigen, wird uns nicht weiterbringen. Wir sind zu dieser Zeit aufgrund dessen, was zu dieser Zeit geschieht, inkarniert. Wir haben die Aufgabe, eine neue und bessere Welt zu schaffen.
Muße bedeutet, das zu tun, was Sie von Natur aus tun wollen, also kreativ zu sein; sie gibt Ihnen Gelegenheit, schöpferisch zu sein. Die Leute vergessen meist, dass sich Kreativität nicht auf eine künstlerische Tätigkeit beschränkt. Eine häufige Frage lautet: "Wie kann man etwas Kreativität entwickeln, wenn man kein Künstler ist?" Dazu muss man kein Künstler, nicht Maler, Musiker, Tänzer oder Schauspieler sein. Das ist nur ein Tätigkeitsbereich.
Sie können wirklich in jedem Lebensbereich schöpferisch sein. Die großen Wissenschaftler machen erstaunliche Entdeckungen – zur Beschaffenheit des Atoms beispielsweise, zur energetischen Substanz unseres Universums und wie sie ihnen durch die Finger zu rinnen scheint, bis es dann plötzlich überhaupt keine Materie mehr gibt. Was ist mit der Materie geschehen? Diese Wissenschaftler haben eine große Entdeckung gemacht. Das ist kreativ und die gleiche Kreativität wie bei Malern oder Musikern, die ein Bild oder ein Lied komponieren.
Kreativität hat jeder Gottessohn. Sie ist eine gottgegebene Qualität. Schöpferische Aktivität ist das Merkmal eines Lebens, das sich an den Lebensgesetzen orientiert. Die Kunst zu leben bedeutet, schöpferisch zu leben, und betrifft alle Lebensbereiche – ob Sie Mechaniker sind oder Krankenschwester oder was auch immer...

F: Kann uns das Teilen der Weltressourcen in den Industrie- und den Entwicklungsländern zu mehr Freizeit verhelfen?

BC: Den Menschen in den Entwicklungsländern wird es helfen, mehr Zeit zu haben, weil sie so viel Zeit dafür aufbringen müssen, das Wenige, was sie haben, aus dem Nichts herzustellen. Wir in den Industrieländern haben alle Zeit der Welt, das Viele, was wir haben, aus dem Vielen herzustellen. Wenn die Weltressourcen entsprechend den Bedürfnissen der verschiedenen Nationen richtig verteilt würden, wäre nur eine Umverteilung der Ressourcen erforderlich. Es geht also um die Verteilung und Umverteilung, dem Kern der wirtschaftlichen Probleme heute.
Die Pläne für eine radikale Umverteilung existieren bereits. Sie könnten der Menschheit sofort vorgelegt werden, wenn wir das Prinzip des Teilens akzeptieren. Damit hätten die Menschen naturgemäß viel mehr Freizeit, als sie jetzt haben.
Die Menschen vergeuden heute so viel Zeit mit rein mechanischen Abläufen in eigens dafür angelegten Bürogebäuden – Papiere ausfüllen, abheften, heraussuchen, lesen, Berichte darüber schreiben, jemandem aushändigen, der sie jemand anderem gibt, jemand unterzeichnet etwas, das wieder die Stockwerke rauf und runter wandert, Papiere werden verteilt, die Auskunft geben über die Mengen der verschiedenen Artikel, die produziert wurden oder werden sollen, und die damit einhergehenden Kosten und Profite. Diese Prozeduren spielen sich ständig in Millionen solcher Bürohäuser in der ganzen modernen Welt ab. Es ist eine unglaubliche Verschwendung von Talenten, von Energie und Phantasie. Dadurch wird die mögliche Muße, die die Menschen haben könnten, in fataler Weise eingeschränkt.
Dies sind keine brauchbaren Arbeiten. Diese Jobs sind völlig konstruiert, sie wurden mit der Globalisierung erfunden, um sicherstellen, dass T-Shirts, die in Japan, China, Hongkong oder Costa Rica hergestellt und auf dem amerikanischen Markt verkauft werden, ein bestimmtes Design und eine erwünschte Qualität aufweisen. Auch das hat mit Verteilung der Ressourcen zu tun. Der größte Teil unseres Handels spielt sich auf diese Weise ab.
Die meisten Relikte, die wir aus der ägyptischen Zivilisation haben, sind ihre Handelsberichte. Die Berichte in Keilschrift, diese wuchtigen Tafeln, handeln von nichts anderem als: "Verkaufte heute drei Fische, einen Papierkorb, zwei Melonen an Soundso, erhielt acht Peseten" oder was immer die Münze war. Sie sind aus festem, gebranntem Ton und haben enorm viel Platz eingenommen. Was nützt es uns, all dies zu wissen? Es gibt uns einen kleinen Eindruck davon, wie der ägyptische Staat vor Tausenden von Jahren funktionierte.
Sollte irgendein Irrer einmal herausfinden wollen, wie die Menschen im 20. und 21. Jahrhundert gelebt haben, muss er sich die Akten in einem dieser riesigen Wolkenkratzer ansehen, sie jahrelang durchforsten, seine Zeit und Energie dem Studium der Berichte über diese Akten widmen und dann die E-Mails lesen, die mit diesen Akten zu tun haben. Dann erhält er ein sehr klares Bild vom Leben der armseligen Geschöpfe, die das geschrieben haben.
Wozu das alles? Wieviel Zeit und Energie von Mitmenschen wird heute von diesen Technikern vergeudet, die heute den globalen Mechanismus steuern – die Produktion und den Verkauf der vielgestaltigen, nutzlosen, immer wieder kopierten und ähnlichen Objekte, die kein Ende nehmen. All das nur, um uns eine reiche Auswahl zu verschaffen. Wie viele verschiedene Eiscremesorten brauchen wir? Sind fünfzig genug? Manche Geschäfte verkaufen sogar mehr als die sprichwörtlichen fünfzig Sorten. Dasselbe gilt für alle anderen Waren, die wir heute in jedem Industrieland produzieren.
Fast nichts, was in Amerika, Großbritannien, Frankreich, Japan oder anderswo hergestellt wird, wird von irgendeinem anderen Land der Welt gebraucht. Diese Artikel werden nur produziert, damit wir eine "Auswahl" oder das neueste technische Spielzeug haben, das zu dem anderen Kram passt, den wir bereits haben und herstellen.
Es ist eine sinnlose Verschwendung menschlichen Potentials. Wenn wir die Weltressourcen teilen, werden wir vieles davon abstoßen. Dann werden nur die Waren registriert, die mithilfe einer ausgefeilten Form des Tauschhandels, den das Teilen mit sich bringen wird, getauscht wurden. Es wird alles komplett vereinfacht; unser Leben wird so viel einfacher werden, dass wir es nicht wiedererkennen werden. Nicht einmal fünfzig verschiedene Eiscremesorten wird es geben – ich weiß, das ist hart...



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