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Auszug aus dem Interview. Die vollständige Fassung finden Sie
in der Magazinausgabe von Share International, Januar/Februar 2007.
Auf
dem Weg zu unabhängigen Medien
Ein Interview mit Jeff Cohen
von Cher Gilmore
Jeff Cohen gründete 1986 die Organisation FAIR, die es sich zur
Aufgabe gemacht hat, die Arbeit der Medien zu beobachten und die Fairness
und Sorgfalt in der Berichterstattung zu fördern. Später
war er als Experte bei den drei großen Fernsehsendern Fox, CNN und
MSNBC angestellt. Cohens Kolumnen sind in vielen namhaften Zeitungen wie
der Washington Post, der Los Angeles Times oder USA Today erschienen;
er ist Koautor einer Reihe von medienkritischen Büchern und behandelt
in seinem neuesten Buch Cable News Confidential: My Misadventures in
Corporate Media das Versäumnis der Mainstream-Medien, über
die wichtigen Tagesthemen zu berichten.
Cher Gilmore interviewte ihn für Share International.
Share International: Sie sagten, dass alle bedeutenderen US-Medien Werkzeuge
amerikanischer Großunternehmen seien. Wie viele und welche Unternehmen
sind Eigentümer der großen Medien in den USA?
Jeff Cohen: Im Wesentlichen sind es fünf Konzerne, die das Fernsehen
beherrschen: CBS/Viacom, ursprünglich ein einziger Konzern, der in
zwei Unternehmen aufgeteilt wurde, General Electric gehören die Sender
NBC, CNBC, MSNBC und teilweise auch der History Channel, zu Disney gehört
ABC, Time-Warner gehören CNN sowie HBO und Rupert Murdoch ist der
Eigentümer von Fox Broadcast, Fox Sports, Fox FX, Fox News, 20th
Century Fox, E-Fox Searchllight, New York Post, Weekly Standard, The Times
sowie The Sun in Großbritannien und weitere, über den ganzen
Globus verteilte Medien. Was den Rundfunk betrifft, ist Clear Channel
Communications der Hauptakteur. Bei den Zeitungen ist die Tribune Company
zusammen mit einigen anderen Konzernen sehr mächtig. Würden
Sie eine Liste der wichtigsten zwölf Medienkonzerne in den USA erstellen,
dann hätten Sie darin fast alle Massenmedien in unserem Lande erfasst.
SI: Trifft das auch auf die Medien der westeuropäischen Länder
zu?
JC: Es bewegt sich alles in diese Richtung. In Italien ist es am schlimmsten.
Dem früheren Premierminister Berlusconi gehörten die drei größten
Privatkanäle. Als er noch Premierminister war, hatte er auch Einfluss
bei den drei öffentlichen Fernsehsendern. Ganz soweit sind wir in
den USA noch nicht. In mancher Hinsicht ist es in Westeuropa schlechter
als in den USA, besser ist dagegen, dass es in den meisten Ländern
noch immer ein starkes öffentliches Rundfunkwesen gibt. Sie können
als gut bezahlter Fernseh- oder Rundfunkjournalist für einen öffentlichen
Sender arbeiten. Die öffentlichen Sender werden dort sehr viel stärker
überwacht als in den USA.
Medien, Geld und Macht
SI: In Ihrem Buch stellen Sie fest, dass eine objektive Berichterstattung
nicht einmal zu den Zielen der kommerziellen Medien gehört.
JC: Ja, das meine ich. Die US-Medien wurden immer schon von Geschäftsinteressen
bestimmt, aber dabei handelte es sich um tausenderlei verschiedene Geschäfte.
Früher wurden die Redaktionen eher von Leuten geleitet, die noch
an Zeitungen glaubten. Heute werden die Medien von Großkonzernen
beherrscht, die in den letzten 20, 30 Jahren sich immer stärker daran
orientierten, Gewinne zu erzielen, Gewerkschaften zu zerschlagen und politische
Lobbys zu bilden. Die Medien sind heute nicht mehr das, was sie noch vor
Jahrzehnten waren, als sie noch ein gutes Produkt herstellten, gesunde
Profite machten und einen positiven Beitrag für die Gemeinschaft
leisteten. Dieses Ethos ist fast ausgestorben.
Die Konzerne, denen heute die Medien gehören, sind erbarmungslos.
Sie haben ungeheure politische Macht angehäuft, weil sie auf dem
Capitol Hill so erfolgreich sind [durch ihre Lobbyarbeit im US-Kongress].
Wenn Sie so erfolgreich wirtschaftliche und politische Macht aufzubauen
in der Lage sind, sind Journalisten, die Korruption in Washington oder
Wirtschaftskriminalität enthüllen das letzte, was sie auf ihren
Gehaltslisten haben wollen. In den Fernsehnachrichten geht der Trend zu
Meldungen aus der Regenbogenpresse Jon Benet Ramsay, O. J. Simpson,
Sexskandale. Diese Geschichten bringen einen Reporter nie in Schwierigkeiten.
Aber ich musste als Chef der Aufnahmeleitung bei MSNBC lernen, dass es
einen sehr wohl in Schwierigkeiten bringen kann, sich offen gegen den
Irakkrieg auszusprechen.
SI: Es wird also grundsätzlich nur das gewollt, was Geld und Macht
bringt?
JC: Ja, diese Konzerne sind sehr machtorientiert. Wenn Sie bei einem Medienunternehmen,
das einem dieser Konzerne gehört, Karriere machen wollen, tun Sie
besser daran, Ihre unternehmerischen Qualitäten herausstellen, als
Unruhe zu stiften. Ich nenne das in meinem Buch eine kakistocracy.
Wir sind ja alle für eine Meritokratie, wo man aufgrund
seiner Verdienste und Fähigkeiten Karriere macht. Bei den Privatmedien
haben Sie jedoch eine Kakistokratie, die im wahrsten Sinne
des Wortes die Herrschaft der Schlechtesten bedeutet, wo die Leute, die
Karriere machen, oft völlig untalentiert und vor allem prinzipienlos
sind. Journalismus interessiert sie kaum. Sie müssen nur Leistung
zeigen die ihre Chefs oder Sponsoren nicht verärgern darf,
weshalb sehr viele Artikel oder Themen gemieden beziehungsweise gar nicht
veröffentlicht werden.
SI: Sind Sie der Meinung, dass man die Leute einlullen und davon abhalten
will, zu denken?
JC: Ja. Wenn Sie sich anschauen, wem unsere Medien gehören, die Nachrichtensender
eingeschlossen, dann ist es größtenteils die Unterhaltungs-
industrie. Es gibt einen militärischen Auftraggeber: General Electric.
Ich denke nicht, dass es weit hergeholt ist, festzustellen, dass die Eigner
dieser Unternehmen zufriedener sind, wenn wir eine Nation kopfloser Konsumenten
sind eine leichte Beute für ihre Werbung als das Gegenteil:
eine Nation informierter, aktiver Bürger.
Alternativen zu den konzerndominierten Medien
SI: Können Sie sich eine Zeit vorstellen, in der das kommerzielle
Fernsehen, Nachrichtensender eingeschlossen, angesichts der Konkurrenz
von Satelliten- fernsehen und Internet einen Großteil seiner Zuschauer
verlieren könnte?
JC: Die Zuhörerschaft für Nachrichtensendungen schrumpft, besonders
den Spätnachrichten. Es gibt noch andere Alternativen, aber die gehören
oft denselben Eignern wie auch die drei großen Nachrichtensender
CBS, ABC und NBC. Mein Buch ist optimistisch, weil es über den Boom
bei unabhängigen, bei nichtkommerziellen und Internet-Medien spricht.
SI: Wird das Internet zukünftig das Hauptmedium für alle Fortschrittlichen
sein?
JC: Ja, die Progressiven haben auf das Internet reagiert, wie ein Fisch
auf Wasser. Es ist kein Zufall, dass sie mehr Informationen über
das Internet versenden als die Konservativen, mehr Geld im Internet verdienen
und auch mehr politische Kampagnen über das Internet organisieren
als die Konservativen. Die Konservativen beherrschten jahrelang die Talkshows,
und so haben die Progressiven sich diesem neuen Medium zugewandt, weil
sie in Fernsehen und Radio benachteiligt waren und weil des Internet ein
Medium darstellt, in dem diskutiert und der demokratische Diskurs gepflegt
werden kann. Wenn Sie etwas kritisieren, treten Sie mit dem Kritisierten
in Verbindung. Wenn Sie sich auf einen Experten oder eine Studie beziehen,
dann laden Sie die Betroffenen ein, sich der Diskussion anzuschließen
und Sie zu attackieren. Es ist ein echt demokratisches Medium und daher
so wunderbar für die Progressiven und so unappetitlich für demagogische
Typen. Das Internet macht eine sehr aufregende Entwicklung, solange wir
es als freies und offenes Forum erhalten können...
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