Die Stimme des Volkes


Obdachlosenkampagne trifft auf Verständnis
Seit dem Winter 2005 schießen beinahe überall in Paris Zelte wie Pilze aus dem Boden, unter den Brücken, entlang des Kanals Saint Martin und unter den Hochbahntrassen der Metro, und in anderen französischen Großstädten ebenso.
Diese zeitweiligen Unterkünfte gehen auf eine Initiative der Menschenrechtsorganisation “Médecins sans Frontières” (Ärzte ohne Grenzen) zurück, die 400 Zelte an Obdachlose verteilte, um diesen einerseits etwas Privatsphäre und Schutz anzubieten und andererseits, um auf die Not der Obdachlosen aufmerksam zu machen. Damit haben sie einen Ort, wo sie ihr persönliches Hab und Gut aufbewahren, sich zum Umkleiden zurückziehen und sich vor Regen und Kälte schützen können.
Für diesen Winter hat die französische Obdachlosen-Initiative “Die Kinder von Don Quichotte” die Organisation der Kampagne übernommen. Sie haben einen Film über die Obdachlosen gedreht und waren dabei über die extrem harten Lebensbedingungen so schockiert, dass sie beschlossen, die Pariser Bürger einzuladen, mit den Obdachlosen eine Nacht im Freien zu verbringen. Das alles wurde auch im Fernsehen gezeigt.
Desweiteren hatte eine Bürgerinitiative von einem Gesetz Gebrauch gemacht, das Kommunalbehörden die Beschlagnahmung von leerstehendem Wohneigentum gestattet, und sich in einer unbewohnten Immobilie mitten in einer schicken Gegend nahe der Pariser Börse niedergelassen. Das besetzte Haus hieß ab dann “Ministerium für Wohnungsnotstand”.
Die Kampagne hat ein größeres Problembewusstsein geschaffen und konnte auch diejenigen erreichen, die bisher die zunehmende Obdachlosigkeit ignoriert haben. Und angesichts der bevorstehenden Wahlen griffen viele Politiker das Thema sehr schnell auf und versprachen konkrete Maßnahmen.
Der französische Premierminister de Villepin reagierte umgehend auf die Kampagne und den wachsenden öffentlichen Druck und kündigte an, ein Gesetz mit einem “einklagbaren Recht auf Wohnung” einzubringen. Und Staatspräsident Chirac erklärte in seiner Neujahrsansprache, sein Kabinett werde Mitte Januar 2007 einen Gesetzesentwurf vorlegen, nachdem pro Jahr 120 000 Sozialwohnungen gebaut werden sollen. Das Gesetz soll noch vor den Wahlen im Februar verabschiedet werden. Wohnungsbauminister Jean-Louis Borloo kündigte an, dass für 2007 ein Etat von 100 Millionen Euro für Obdachlose zur Verfügung gestellt und so bald wie möglich 27 100 Notunterkünfte geschaffen werden sollen.
Kritiker bleiben jedoch skeptisch, da sie darin nur einen politischen Schachzug sehen. Denn die Situation bleibt trotz aller Zusagen der Politiker problematisch: Es wird bereits an einigen Stellen in Paris versucht, Zelte abzubauen und an den Stadtrand zu verlagern, um der Öffentlichkeit diesen angeblich “peinlichen Anblick” zu ersparen.
Das Obdachlosenproblem kann aber erst dann gelöst werden, wenn die eigentlichen Probleme anerkannt werden: hohe Mieten, Arbeitslosigkeit und die Versäumnisse der Regierung im sozialen Wohnungsbau.
Im Jahr 2006 gelang es drei Bürgerinitiativen, französische Politiker zum Handeln zu zwingen: Bei der einen ging es darum, dass Kinder, deren Eltern keine offiziellen Papiere besaßen, vom Schulbesuch ausgeschlossen werden sollten, bei der andern um die Verhaftung von Hausbesetzern in Cachan im Marnetal, die allgemeine Wut und Empörung auslöste, und nun die Initiative der “Kinder von Don Quichotte”, die ebenso Veränderungen bewirkte. Diese gesellschaftspolitischen Themen werden bei den Präsidentschaftswahlen 2007 mit Sicherheit auf der Tagesordnung stehen.

(Quellen: www.medecinsdumonde.org; Médecins sans Frontières; l’Humanité, Le Monde, Libération, Frankreich)



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