Der gemeinsame Nenner der Weltreligionen

Interview mit Karen Armstrong
von Andrea Bistrich

Auszüge aus dem Interview. Die vollständige Fassung finden Sie in der Magazinausgabe von Share International, September 2007.

Religiöser Fundamentalismus ist eine Folge und unmittelbare Reaktion auf unsere moderne Kultur, erklärt die britische Theologin und Autorin Karen Armstrong, die zahlreiche Bücher über die großen Religionen verfasst hat. Sieben Jahre lang war sie katholische Nonne, dann verließ sie ihren Orden und studierte in Oxford. Armstrong ist Mitglied des 18-köpfigen Gremiums der Allianz der Zivilisationen, die auf Initiative des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan zur Bekämpfung des Extremismus und zur Förderung des Dialogs zwischen der westlichen und der muslimischen Welt gegründet wurde. Andrea Bistrich hat Karen Armstrong für Share International interviewt.

Share International: Die Anschläge vom 11. September 2001 sind zum Symbol eines heftigen Kampfes zwischen dem Islam und dem Westen geworden. Viele Amerikaner fragten damals: "Warum hasst ihr uns?" Und in Expertenrunden wurde heftig diskutiert, ob der Islam grundsätzlich gewaltbereiter sei als andere Religionen. Ist er das?

Karen Armstrong: Es gibt mehr Gewalt in der Bibel als im Koran. Die Vorstellung, der Islam habe sich mit dem Schwert durchgesetzt, ist eine westliche Fiktion aus der Zeit der Kreuzzüge. Tatsächlich waren es westliche Christen, die einen brutalen heiligen Krieg gegen den Islam führten. Der Koran verbietet Angriffskriege; Krieg ist im Koran nur als Selbstverteidigung erlaubt. Sobald der Feind um Frieden bittet, müssen Muslime die Waffen niederlegen und die ihnen dargebotenen Konditionen akzeptieren - auch dann, wenn diese für sie selbst unvorteilhaft sind -, so verlangt es der Koran. Später war es den Muslimen nach islamischem Recht verboten, ein Land anzugreifen, in dem Muslime ihren Glauben frei ausüben durften. Verboten waren auch das Töten von Zivilisten, die Zerstörung von Eigentum und der Einsatz von Feuer im Krieg.

SI: Dennoch gibt es Muslime, die zu Attentätern werden. Wie kann es sein, dass religiöse Menschen sich im Namen Allahs in die Luft sprengen und andere umbringen?

KA: Einen Menschen zu töten, verstößt gegen die Prinzipien jeder Religion, auch gegen die des Islam. Terrorismus ist zutiefst unreligiös. Wiederholt haben Muslime Terrorismus abgelehnt, nur wird von den westlichen Medien kaum darüber berichtet. Terror ist ein politisch motivierter Akt, der möglicherweise die Sprache der Religion verwendet - oder missbraucht -, der aber auch von der nihilistischen Gewalt jener Moderne geprägt ist, die selbstzerstörerische Nuklearwaffen geschaffen hat und immer noch damit droht, sie einzusetzen. Eine wichtige Umfrage hat kürzlich gezeigt, dass alle Selbstmordattentate, die seit den 1980er Jahren verübt worden sind, politisch und nicht etwa religiös begründet waren. Der Groll betrifft vor allem die Okkupation muslimischen Landes durch den Westen und seine Verbündeten.

SI: Die Polarisierung wurde in letzter Zeit noch verschärft durch Kontroversen wie den Karikaturenstreit, die Äußerungen des Papstes und die Kopftuchdebatte. Harvard-Professor Samuel Huntington prägte in diesem Zusammenhang den Begriff "Clash of Civilizations", Kampf der Kulturen. Bedeutet das eine generelle Unvereinbarkeit von "christlichem Westen" und "muslimischer Welt"?

KA: Die Streitigkeiten in unserer Welt resultieren nicht aus den religiösen oder kulturellen Unterschieden, sondern sie sind politischer Art. Es gibt heute ein Ungleichgewicht der Macht in der Welt, und die Machtlosen fangen nun an, die Hegemonie der "großen Mächtigen" herauszufordern, indem sie ihnen gegenüber ihre Unabhängigkeit erklären. Häufig verwenden sie dazu eine religiöse Sprache. Vieles von dem, was wir als Fundamentalismus bezeichnen, ist zumeist eine religiöse Form des Nationalismus, eine Identitätserklärung. Das alte nationalistische europäische Ideal des 19. Jahrhunderts wurde entehrt, und schon immer war es den Menschen im Nahen Osten fremd. Der muslimischen Welt geht es derzeit um eine Neudefinition: In dem Bestreben, nach der großen Zerrüttung der Kolonialzeit ihre Wurzeln wieder zu finden, identifizieren sich die Menschen nun mit der Religion.

SI: Was hat den Fundamentalismus heute so erstarken lassen?

KA: Die militante Frömmigkeit, die wir als Fundamentalismus bezeichnen, kam im Laufe des 20. Jahrhunderts in allen großen Weltreligionen auf. Genauso wie es einen fundamentalistischen Islam gibt, gibt es einen fundamentalistischen Buddhismus, ein fundamentalistisches Christentum und Judentum, einen fundamentalistischen Sikhismus, Hinduismus und Konfuzianismus. Unter den drei monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum und Islam - war der Islam die letzte, die in den 1960er Jahren eine fundamentalistische Variante entwickelte.
Im Fundamentalismus zeigt sich ein Aufbegehren gegen die moderne säkulare Gesellschaft, die Religion von Politik trennt. Überall dort, wo westliche säkulare Regierungen eingeführt werden, entstehen religiöse Gegenbewegungen als Ausdruck einer bewussten Ablehnung. Fundamentalisten wollen Gott beziehungsweise die Religion aus dem Abseits, wohin die moderne Gesellschaft sie verbannt hat, wieder in den Mittelpunkt rücken. Jeglicher Fundamentalismus wurzelt in einer tiefen Angst vor der Annihilierung, der Vernichtung. Gleichgültig, ob sie jüdisch, christlich oder muslimisch sind - Fundamentalisten sind davon überzeugt, dass die säkulare oder liberale Gesellschaft sie auslöschen wolle. Das hat nichts mit Paranoia zu tun. Der jüdische Fundamentalismus beispielsweise ist wesentlich erstarkt nach dem Holocaust durch die Nazis und nach dem Yom-Kippur-Krieg von 1973. In einigen Regionen des Nahen Ostens wurde der Säkularismus so rapide und aggressiv durchgesetzt, dass er von der Bevölkerung geradezu als Vernichtungsangriff erlebt wurde.

SI: Dass der Fundamentalismus ebenfalls ein Phänomen der Politik sein kann, hat der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter kürzlich betont, als er seine Besorgnis über die Vermischung von Staat und Religion und über fundamentalistische Tendenzen in der Regierung Bush äußerte. Gewisse Charakterzüge religiöser Fundamentalisten sehe er auch bei den amerikanischen Neokonservativen, so Carter: "... sie werden von einem autoritären Männerclub angeführt, der sich anderen überlegen glaubt; sie glauben, die Vergangenheit sei besser als die Gegenwart; sie betrachten sich als ‚die wahren Gläubigen' ...; wer sich ihrem Standpunkt widersetzt, gilt als ‚schlecht'; ihr Selbstverständnis ist engstirnig und beschränkt; sie isolieren sich; sie demagogisieren ... und sehen Verhandlungen und Bemühungen zur Überbrückung von Differenzen als Zeichen der Schwäche an..."
Ist dieser Konflikt zwischen den so genannten Hardlinern oder Konservativen auf der einen Seite und den Progressiven auf der anderen Seite ein typisches Phänomen der heutigen Zeit?

KA: Dieses Problem zeigt sich nicht allein in den Vereinigten Staaten. Ja, es gibt eine neue Intoleranz und Aggression, die sich ebenso in Europa wie auch in den muslimischen Ländern und im Nahen Osten zeigt. Kultur ist und war immer schon eine Streitfrage. Die Menschen haben unterschiedliche Meinungen über ihr Land, und manche sind bereit, dafür zu kämpfen. Amerikas christliche Fundamentalisten sind nicht gerade für die Demokratie; und ja, es ist richtig, dass viele Neokonservative, die sich dem Fundamentalismus zugewandt haben, eine ausgesprochene Hardliner-Position vertreten und eine einseitige Sichtweise entwickelt haben. Wir leben in gefährlichen und schwierigen Zeiten, und wenn Menschen Angst haben, neigen sie dazu, sich in ideologische Ghettos zu flüchten und Barrikaden gegenüber "den anderen" aufzubauen.
Demokratie ist, was religiöse Menschen möglicherweise einen "Zustand der Gnade" nennen würden. Es ist ein Ideal, das nur selten erreicht wird und das immer wieder aufs Neue bekräftigt werden muss, damit es nicht verloren geht. Und es ist nur sehr schwer zu erfüllen. In Anbetracht des so genannten "Kriegs gegen den Terror" bleiben wir alle - Amerikaner und Europäer - hinter diesem Ideal zurück.

SI: Welche politischen Ursachen sehen Sie als hauptverantwortlich für die wachsende Spaltung zwischen muslimischen und westlichen Gesellschaften?

KA: Im Nahen Osten ist der Modernisierungsprozess durch den arabisch-israelischen Konflikt, der für die christlichen, jüdischen und muslimischen Fundamentalisten zum Symbol geworden ist, aufgehalten worden. Es ist eine ständige offene Wunde. Solange keine gerechte politische Lösung erreicht werden kann, die alle Beteiligten zufrieden stellt, gibt es keine Hoffnung auf Frieden. Darüber hinaus sind die Ölvorkommen zu nennen, die einige Länder in der Region zur Zielscheibe westlicher Gier werden ließen. Um unsere strategische Position aufrechtzuerhalten und einen möglichst günstigen Zugang zum Öl garantieren zu können, hat der Westen häufig Machthaber wie die Schahs im Iran, die Saudis und anfangs auch Saddam Hussein unterstützt, die mit ihren diktatorischen Regimes jegliche Opposition ausgeschaltet haben. Der einzige Ort, an dem die Menschen ihr Leid äußern konnten, war die Moschee.
Die moderne Welt erwies sich als äußerst gewalttätig. Zwischen 1914 und 1945 fanden in Europa 70 Millionen Menschen den Tod infolge der Kriege. Wir brauchen uns daher nicht zu wundern, dass die moderne Religion ebenfalls gewalttätig geworden ist, denn häufig ahmt sie die Gewalt nach, die von säkularen Politikern gepredigt wird. Ein Großteil der Gewalt und des Terrors in der muslimischen Welt, der uns heute Sorgen bereitet, ist in Regionen entstanden, in denen Krieg, Vertreibung und Konflikte zum Trauma geworden und inzwischen schon chronisch geworden sind: in Nahost, in Palästina, in Afghanistan, in Pakistan und in Kaschmir...


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