Die Stimme des Volkes


Fünf Jahre später: Friedensdemonstrationen weltweit

Zwischen dem 15. und 22. März 2008 demonstrierten Menschen in vielen Großstädten rund um den Globus, um an den fünften Jahrestag des Irakkrieges zu erinnern, und forderten eine “Welt ohne Krieg”.

In den USA fanden in 50 Bundesstaaten mehr als 1000 Aktionen in kleinen und großen Städten statt, um gegen die kriegerische Auseinandersetzung zu protestieren, die bisher das Leben von mehr als 4000 US-Soldaten gefordert hat. In San Francisco nahmen am 19. März, dem Jahrestag des Kriegsbeginns, 7000 Menschen an einem Nachtmarsch teil, den die Bürgerinitiative ANSWER organisiert hatte, und riefen: “Die Besatzung ist ein Verbrechen – vom Irak bis Palästina”, “Keinen Krieg mehr” oder “Vereint ist das Volk unbesiegbar”. Unter den anwesenden Rednern befand sich auch Cindy Sheehan, deren Sohn Casey im Irakkrieg getötet worden war.
Am 15. März, einem kalten, stürmischen Tag, waren etwa 10 000 Menschen die teilweise dicht gedrängt auf den teilweise sechsspurigen Boulevards im Zentrum von Los Angeles unterwegs. Unter den größtenteils jugendlichen Teilnehmern befand sich auch der Vietnamveteran Roy Kovic, der das Buch Geboren am 4. Juli, geschrieben hatte. Kovic sagte gegenüber der Presse: “Wenn ich sehe, was da im Irak passiert, fühle ich mich mehr als alles andere dazu verpflichtet – verpflichtet, mit allem, was in uns steckt, dafür zu kämpfen, dass dieser Wahnsinn aufhört.” Als der Marsch das CNN-Gebäude erreichte, riefen die Demonstranten: “CNN, seht ihr das denn nicht? Dieser Friedensmarsch gehört ins Fernsehen!”
Im Rahmen einer mehrtägigen Reihe von Veranstaltungen in Washington hatte die Organisation Iraq Veterans Against The War die Kundgebung “Winter Soldier” (Wintersoldat) organisiert, auf der amerikanische Irak- und Afghanistanveteranen eindrucksvoll darüber berichteten, was sich in diesen Ländern tatsächlich abspielt. Auch am 19. März wurde im Zentrum von Washington demonstriert. Der Zorn der Demonstranten richtete sich nur gegen den US-Präsidenten, sondern auch gegen Halliburton und andere Unternehmen, die vom Krieg profitieren. “Kriege gibt es im Wesentlichen deswegen, weil davon profitiert wird”, meinte die 23-jährige Studentin Jessica P., die wie die meisten der anderen Teilnehmer nicht wollte, dass ihr Nachnamen veröffentlicht wird. “Die [Firmenchefs] verdienen 3000 Dollar am Tag.”
“Wir wollen die Leute darauf aufmerksam machen, dass die Kriege mit Steuergeldern finanziert werden, damit sie verstehen, dass sie, wenn sie nächsten Monat ihre Steuern zahlen, einen Völkermord in einem Land finanzieren”, erklärte die 24-jährige Debbie B., die zu den Demonstrationen aus Colorado angereist war. Malcolm Chaddock, der in den 1980-er Jahren seinen Militärdienst geleistet hatte, war aus Portland im Bundesstaat Oregon zu den Protesten gekommen. Vor der Menge äußerte er seinen Wunsch für die Zukunft: “Meine Hoffnung besteht darin, dass von heute an noch mehr Menschen aufstehen, um unser Land wieder zur Vernunft zu bringen.

“In Großbritannien fanden am 15. März in London und Glasgow Demonstrationen statt; Busfahrten wurden organisiert, um die Teilnehmer aus dem ganzen Land herbeizubringen. In Glasgow nahmen auch Gewerkschafts- und Parteivertreter an einer Kundgebung teil, die die Stop the War Coalition organisiert hatte. Unter den Rednern befand sich auch Rose Gentle, deren Sohn Gordon im Irak ums Leben gekommen ist, sowie der Labour-Parlamentsabgeordnete Jeremy Corbyn. In London marschierten ungefähr 8000 Menschen zum Parliament Square, wo sie im Gedenken an die Toten Blumen niederlegten. Wie auf vielen anderen Kundgebungen wurde auch hier die Beendigung der Besetzung Gazas durch Israel gefordert sowie ein klares Nein zu einem Angriff auf den Iran. Auf einer Eröffnungsveranstaltung auf dem Trafalgar Square sagte Jenny Tong, ein Oberhausmitglied der Liberaldemokraten: “Warum in aller Welt darf Israel das Völkerrecht brechen, sich der Genfer Konvention widersetzen, die Menschenrechte der Palästinenser verletzen, sie tagtäglich umbringen – und niemand nimmt davon Notiz? Wie kann es sein, dass die ganze Welt wegsieht?”

Der altgediente Aktivist Tony Benn machte die Menge darauf aufmerksam, dass sie nicht allein sei:

“Auch in so fernen Ländern wie Puerto Rico, Korea, Island und Neuseeland und auch in elf amerikanischen Städten versammeln sich heute Menschen so wie wir – wir repräsentieren die Menschen der Welt. Das ist wichtig, daran sollten wir denken. Wir sind kein Haufen isolierter Demonstrantengrüppchen. [...] Seit Anbeginn der Zeit brennen im Herzen jedes Menschen zwei Feuer: das Feuer des Ärgers angesichts von Ungerechtigkeit und das Feuer der Hoffnung, dass man eine bessere Welt aufbauen kann. Und diese beiden Feuer brennen heute in unseren Herzen, in den Herzen und den Köpfen von Millionen Menschen.”

In Schweden zogen rund 500 Menschen im Eisregen durch das Stadtzentrum von Stockholm und trugen Transparente, auf denen “Fünf Jahre Krieg, eine Million Tote” zu lesen war. “Ich bin hier dabei, weil ich denke, dass es extrem wichtig ist, gegen die amerikanische Politik im Irak zu protestieren, vor allem weil die Medien immer weniger über die Tragödie dort berichten”, meinte der 67-jährige Schauspieler Leif Staalhammer. Etwa 600 Leute demonstrierten in der zweitgrößten schwedischen Stadt Göteborg. Durch das Zentrum der norwegischen Hauptstadt Oslo zogen ungefähr 200 Demonstranten zum Parlamentsgebäude.

Auch in Kanada fanden überall Kundgebungen statt. In Toronto demonstrierten 1000 Menschen gegen den jüngsten Parlamentsbeschluss einer Aufstockung des bisher 2500 Mann starken kanadischen Truppenkontingents in Afghanistan. In Montreal gab es eine Demonstration gegen Kanadas Beteiligung an den Kriegen in Afghanistan und im Irak, und in Ottawa fand in der Nähe der US-Botschaft eine Kundgebung statt, die die Canada Peace Alliance organisiert hatte. (Quellen: The Guardian, Großbritannien; unitedforpeace.org; answerla.org; afp.com; respect.co.uk; bbc.co.uk; yahoo.com; indymedia.org; stopwarcoalition.co.uk)


Mehr Proteste gegen Nahrungsmittelpreise
Aufgrund der weltweiten Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln – durchschnittlich 40 Prozent seit Sommer 2007 – kommt es in den ärmeren Ländern immer häufiger zu Ausschreitungen. Auf einer kürzlichen Konferenz in Dubai sagte der Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten der Vereinten Nationen und UN-Nothilfekoordinator Sir John Holmes, dass die eskalierenden Preise Proteste und Ausschreitungen in den wirtschaftlich schwachen Ländern geradezu auslösten. Die Nahrungsmittelknappheit und die steigenden Treibstoffpreise verstärkten die zerstörerischen Auswirkungen der Erderwärmung zusätzlich. “Inzwischen werden aus aller Welt Ausschreitungen gemeldet – es sollte daher nicht unterschätzt werden, welche Folgen dies für die [internationale und nationale] Sicherheit haben kann. Aufgrund der momentanen Entwicklungen stark zunehmen werden.”
Bei Demonstrationen in Les Cayes im Süden Haitis kamen vier Menschen ums Leben, als die gegen die steigenden Nahrungsmittelpreise protestierenden Massen Straßen blockierten, Läden plünderten und auf Soldaten der UN-Friedenstruppen schossen. Auch in anderen Teilen des Inselstaats kam es zu mehrtägigen Gewaltausbrüchen. Als bewaffnete Demonstranten in das UN-Gelände in Les Cayes eindrangen und auf UN-Soldaten schossen, erwiderten die UN-Truppen das Feuer und töteten dabei einen jungen Mann. Bei den Unruhen danach starben drei Menschen.

In Haiti sind die Preise für Grundnahrungsmittel wie Früchte, Reis und Bohnen innerhalb eines Jahres um 50 Prozent gestiegen. Haiti ist das ärmste Land des amerikanischen Doppelkontinents: 80 Prozent der Bevölkerung müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben.
In Afrika ist die Lage nicht besser: In Kamerun kommt es seit Februar 2008 wegen der Lebensmittelpreise zu Ausschreitungen; in der Elfenbeinküste, in Mauretanien, im Senegal sind ebenfalls ausgedehnte Proteste ausgebrochen und zuletzt auch in Burkina Faso, wo aufgrund der Preiserhöhungen ein landesweiter Streik geplant ist. Seit Ende 2007 leiden 37 Länder unter einer Nahrungsmittelkrise, 20 von ihnen haben bereits Preiskontrollen eingeführt.

In Ägypten ist der Preis für Brot um 35 und für Speiseöl um 26 Prozent gestiegen. Die Regierung beschloss, die Nahrungsmittelsubventionierung einzustellen und dafür den Bedürftigen Barauszahlungen anzubieten. Die öffentliche Empörung war so groß, dass die Regierung sich gezwungen sah, ihre Pläne zurückzustellen. “Es zeichnet sich ein Aufstand der Hungernden ab”, meint Mohammed al-Askalani von der Initiative “Bürger gegen hohe Lebenshaltungskosten”, die sich gegen die Aufhebung der staatlichen Subventionierungen einsetzt.
Auch wenn Simbabwe ein politisch sehr komplexer Sonderfall ist, repräsentieren seine Nahrungsmittelpreise doch den globalen Trend: Das Land leidet unter einer Inflation, die gegenwärtig bei 100 000 Prozent liegt. In Marokko sind die Subventionen für Grundbedarfsgüter innerhalb von sechs Jahren um das Fünffache gestiegen. In Sierra Leone ist der Reis um 300 Prozent teuerer geworden; die Regierung hat angekündigt, dass ab 2009 Reis angebaut werden und der Import dieses Getreides verboten werden soll. Die Behörden in all diesen Ländern werden zunehmend nervöser angesichts des wachsenden Volkszorns und der umfassenden Proteste.
“Die eskalierenden sozialen Unruhen, etwa in Kamerun, Mauretanien, Burkina Faso und im Senegal, können auf andere Länder überspringen”, warnt der Vizepräsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) Kanayo Nwanza.

Um dem Zorn in der Bevölkerung und der wachsenden Krise entgegenzuwirken, haben die Regierungen von Kamerun, vom Senegal und von der Elfenbeinküste die Hauptnahrungsmittel von der Mehrwertsteuer befreit. Kamerun hat zugleich die Löhne der Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst erhöht, der Sudan hat die Subventionen für einige Nahrungsmittel erhöht und Ägypten hat seinen Reisexport für sechs Monate ausgesetzt.
Die Vereinten Nationen prognostizieren einen globalen Anstieg der Lebensmittelpreise um 20 bis 50 Prozent bis zum Jahr 2016. Am Schlimmsten sind die Armen in den Städten von den Preiserhöhungen bei den Grundnahrungsmitteln betroffen, da sie zu Lebensmitteln keinen gesicherten Zugang haben und zudem gezwungen sind, einen Großteil ihres Gesamteinkommens für die Ernährung ihrer Familien auszugeben. (Quellen: AFP; Associated Press; The Guardian, BBC News, Großbritannien; Al Jazeera)



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