5 Stimme des Volkes-Heft-4-2008

Die Stimme des Volkes


Weltweit Maikundgebungen
Der 1. Mai oder Tag der Arbeit gehört traditionell den Arbeitnehmern, doch dieses Jahr schlossen sich ihnen weltweit auch Tausende von Armut betroffene Menschen an. Zu den Schwerpunkten und Forderungen gehörten die Rechte der Arbeitnehmer und Immigranten, die Nahrungsmittelpreise, der Lebensstandard, die Rentenreformen und der Irakkrieg.
In Russland wurde auf großen Demonstrationen in mehreren Städten gegen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die hohen Lebensmittelpreise protestiert. In Moskau demonstrierten rund 30 000 Menschen. Auf einer Kundgebung in Sankt Petersburg fasste der ehemalige Schachweltmeister Garry Kasparow den Unmut in Worte: “Die machthabende Partei schämt sich nicht, dass ihre Mitglieder Millionäre sind. Diese Millionäre rauben unser Land aus.”
In ganz Frankreich forderten etwa 120 000 Menschen höhere Löhne und Renten und appellierten an Präsident Nicolas Sarkozy, etwas gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu unternehmen. In Paris organisierten zwei große Gewerkschaften erstmals wieder nach vier Jahren eine gemeinsame Kundgebung, mehrere Tausend Menschen zogen zum Place de la République. In Marseille waren nach Gewerkschaftsangaben 30 000 Menschen auf die Straße gegangen. Viele der Teilnehmer waren Einwanderer, die die Legalisierung von Arbeitnehmern ohne Dokumente forderten. “In diesem Land gibt es keine Ausländer. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Gerechtigkeit!!!” stand auf einem Transparent.

Überall in Deutschland forderten Demonstranten die Einführung eines Mindestlohns und machten die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich zum Thema. Rund 10 000 Menschen protestierten in Hamburg gegen eine von der rechtsextremen Partei NPD geplante Kundgebung.

In Serbien protestierten rund 10 000 Menschen gegen Privatisierungsmaßnahmen und forderten eine Verbesserung des Lebensstandards.

In Griechenland kamen durch eine 24-stündige Arbeitsniederlegung am 1. Mai, die sich gegen die Privatisierungs- und Rentenreformpläne der Regierung richtete, der öffentliche Verkehr und der öffentliche Dienst zum Erliegen. Demonstrationen fanden in Athen und anderen großen Städten statt.

In Spanien versammelten sich rund 25 000 Menschen auf einer Kundgebung in Madrid, um ihre Besorgnis über die Lohnkürzungen und die steigende Arbeitslosigkeit kundzutun. Der Generalsekretär der Allgemeinen Arbeitergewerkschaft Candido Mendez sagte: “Die Regierung sollte den dicken Bossen der großer Multis sagen, dass sie und nur sie es sind, die den Gürtel enger schnallen sollten.”

In der Türkei schlug in Istanbul eine Kundgebung zum 1. Mai mit Tausenden von Menschen in Gewalt um, als diese versuchten, trotz Demonstrationsverbots zu einem zentralen Platz der Stadt zu ziehen. Die Proteste richteten sich unter anderem gegen die geplante Anhebung des Renteneintrittsalters und die Beschneidung der Sozialhilfeleistungen.

In Mexiko forderten rund 70 000 Arbeiter von der Regierung, etwas gegen die Nahrungsmittelknappheit und die Arbeitslosigkeit zu unternehmen.

In Ecuador protestierten über 15 000 Menschen gegen das Subunternehmertum und gegen die herrschenden Arbeitsbedingungen. Auch in Guatemala, Nicaragua und Chile gab es Großdemonstrationen mit Tausenden von Menschen.

In Bolivien forderte Präsident Evo Morales auf einer Veranstaltung zum 1. Mai in La Paz die USA auf, ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen. In

Paraguay wurde mit dem designierten Präsident Fernando Lugo erstmals ein Präsident des Landes zu den Maikundgebungen eingeladen. In Venezuela gab es Kundgebungen sowohl für als auch gegen die Regierung Hugo Chávez.

In Peru schlugen in Lima Frauen auf Töpfe und Pfannen und forderten die Regierung auf, Maßnahmen gegen die steigenden Nahrungsmittelpreise zu ergreifen. Für die schätzungsweise 42 Prozent Armen des Landes wird es wie überall auf der Welt zunehmend schwieriger, ihre Familien zu ernähren. Zwar lässt Präsident Alan García seit kurzem die Armee in den ärmsten Vierteln kostenlose Lebensmittelrationen verteilen, doch ist dies nach Meinung der Frauen zu wenig und zu spät: “Der Topf ist leer, García!”

Große Proteste gegen die extreme Verteuerung von Grundnahrungsmitteln wie Reis fanden in zahlreichen asiatischen Großstädten statt. In Thailand war auf den Demonstrationen in Bangkok auf Transparenten zu lesen: “Teurer Reis, niedrige Löhne – wovon sollen wir Arbeitnehmer leben?”
Auf den Philippinen protestierten Tausende von Arbeitnehmern gegen Präsidentin Arroyo, weil diese sich weigert, angesichts der steigenden Lebensmittel- und Benzinpreise den Mindestlohn anzuheben. Auf Transparenten forderten sie “Jobs, Gerechtigkeit, Nahrung” und “Runter mit den Nahrungsmittelpreisen”.

In Indonesien zogen Tausende von Menschen vom Zentrum Jakartas zum Präsidentenpalast, um gegen die Auslagerung von Arbeitsplätzen und die hohen Lebensmittelpreise zu protestieren. Indonesische Arbeitnehmer nahmen auch zusammen anderen ausländischen Arbeitnehmern an einer Demonstration in Hongkong teil. Sie forderten höhere Löhne, da die Stadt aufgrund der schwachen Landeswährung mit hoher Inflation zu kämpfen hat.

In Japan kamen vor allem aufgrund der steigenden Kraftstoffpreise etwa 44 000 Menschen zur Maikundgebung in Tokio.

Die Lebensmittelpreise und die niedrigen Löhne machen auch den Menschen im Libanon Sorgen, wo rund 10 000 Demonstranten durch das Zentrum von Beirut zogen.

In Südafrika hatte der Gewerkschaftsbund landesweit Demonstrationen organisiert. Die Bürger hatten von Volkswirtschaftlern den Rat erhalten, wegen der steigenden Preise von Grundnahrungsmitteln wie Reis, Brot, Mais und Milchprodukten den Gürtel enger zu schnallen. Ein Gewerkschaftssprecher sagte: “Die Menschen werden immer wütender. Wir haben das Gefühl, dass wir dieser Wut mit einer Massenaktionen zum Ausdruck bringen müssen.”

In den Vereinigten Staaten, wo der Tag der Arbeit üblicherweise im September gefeiert wird, gab es aufgrund der vielen zugewanderten Arbeitnehmer – sie machen fast die Hälfte der Arbeitskräfte des Landes aus – erstmals Kundgebungen zum 1. Mai. Tausende von Bürgern forderten in den
Großstädten eine Änderung der Einwanderungsgesetze. Im Zentrum von Los Angeles verlangten etwa 8500 Demonstranten, Razzien auf Einwanderer am Arbeitsplatz einzustellen. “Viele Leute finden, dass nichts getan wird”, meinte die 20-jährige Amerikanerin und Tochter eines illegalen mexikanischen Einwanderers, Xochitl Pacheco, die auf ihre Kleidung “Wir sind Arbeiter, keine Verbrecher” und “Legalisiert mich” geschrieben hatte. Die Stimmung war friedlich und festlich, und viele Demonstranten, legale wie illegale Einwanderer, tanzten zu Mariachi-Musik und gaben kleine Vorstellungen. Andres Rivas, 68, ehemals Bürgermeister von El Salvador, der in den 1980-er Jahren amnestiert wurde und die US-Staatsbürgerschaft besitzt, erklärte, er demonstriere, um jene zu unterstützen, die um ihre rechtliche Anerkennung kämpfen: “Wir müssen uns für diejenigen einsetzen, die diese noch nicht haben.” Großdemonstrationen gab es auch in New York, Chicago und Seattle sowie in Washington, wo sie sich vor allem gegen den Irakkrieg richteten.

(Quellen: AFP; LA Times, USA; www.deutsche-welle.net; BBC News; International Herald Tribune, USA; Reuters; AFP; Daily News, Südafrika)


Palästina-Kundgebung in London
Am 10. Mai 2008 fand in London ein Protestzug zum Trafalgar Square statt, auf dem die Aufgabe der israelischen Besetzung der Palästinensergebiete und der Belagerung des Gazastreifens gefordert wurde. Nach Schätzung der Veranstalter, der British Muslim Initiative, der Palestine Solidarity Campaign und des Palestinian Forum in Britain, nahmen an der Kundgebung, die von vielen Gewerkschaften unterstützt wurde, rund 15 000 Menschen teil.
Zahlreiche Demonstranten trugen anlässlich des 60. Jahrestags der Nakba, der Staatsgründung Israels, schwarze Kleidung, und auf dem Trafalgar Square stand bald ein Wald von Transparenten und Fahnen.
Ein Redner nach dem anderen zählte die unerträglichen Lebensbedingungen in Gaza auf: Abwasserbäche in den Straßen aufgrund mangelhafter Kläranlagen, kaum funktionsfähige Krankenhäuser, Mangel an sauberem Trinkwasser, an Treibstoff, Nahrung und ärztlicher Hilfe. Sie verurteilten die Kontrollpunkte im Westjordanland, die Trennmauer, die Politik der Apartheid und der kollektiven Bestrafung und riefen dazu auf, israelische Waren zu boykottieren. Unter den Rednern befanden sich auch [der ehemalige Londoner Bürgermeister] Tony Benn und [der Parlamentsabgeordnete und das ehemaliges Labour-Party-Mitglied] George Galloway.
Ebenfalls vertreten war die jüdische Menschenrechtsorganisation “Jews for Justice for Palestinians”, die die Beendigung der Belagerung von Gaza und der Besetzung des Westjordanlandes forderte sowie den Rückzug der israelischen Siedler aus dem Palästinensergebiet und den Abriss der Trennmauer in diesem Gebiet. Sie unterstützt den Rechtsanspruch der Palästinenser auf einen existenzfähigen eigenen Staat mit den Territorien Westjordanland, Ostjerusalem und Gazastreifen und verlangt eine Wiedergutmachung des durch die Nakba an den Palästinensern begangenen Unrechts. Unter den Befürwortern dieser Ziele befinden sich auch zahlreiche hoch angesehene Juden, die sich für das palästinensische und das israelische Volk eine Zukunft in Frieden und gegenseitiger Zusammenarbeit wünschen.

(Quellen: palestinecampaign.org; jfjfp.org; nkusa.org ;
The Observer
, Großbritannien)



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