|
Noam Chomsky ist Professor Emeritus am Massachusetts Institute of Technology
in Cambridge, Massachusetts, wo er Linguistik und Philosophie lehrt. Er
gilt als Revolutionär der modernen Linguistik und erhielt unter anderem
den angesehenen Wissenschaftspreis der American Psychological Association
und die Benjamin-Franklin-Medaille für Computer- and Kognitionswissenschaften.
Der ebenfalls für Politik und Außenpolitik international anerkannte
Fachgelehrte hat viele politische Bestseller geschrieben, auf Deutsch
erschienen unter anderem Hybris. Die endgültige Sicherung der globalen
Vormachtstellung der USA (2003), Der gescheiterte Staat (2006) und Interventionen
(2007). Jason Francis hat Noam Chomsky für Share International interviewt.
Share
International: Wie würden Sie die derzeitigen Beziehungen zwischen
Großunternehmen und Regierungen beschreiben?
Noam
Chomsky: Etwas verallgemeinernd könnte man fast sagen, dass Regierungen
Agenturen der großen Konzerne sind. Schauen Sie sich nur an, wer
in den Vorstandsetagen sitzt, oder wie sehr ökonomische Entscheidungen
die Parameter von Regierungsentscheidungen bestimmen. Andererseits gibt
es auch sehr interessante Konfliktsituationen zwischen Staats- und Unternehmensinteressen,
auch wenn der Staat schon weitgehend von der Wirtschaft kontrolliert wird.
Wir befinden uns gerade mitten in einem solchen Konflikt zwischen Staat
und Unternehmen. Die Regierung Bush könnte man geradezu als einen
Ableger der Energiekonzerne bezeichnen. Es bestehen enge Verbindungen.
Auf der anderen Seite setzen die Energieunternehmen der Politik der Bush-Administration
Widerstand entgegen. Ein drastisches Beispiel für einen Interessenkonflikt
zwischen Staat und Energieunternehmen war lange Zeit der Iran, obwohl
der Staat sehr stark unter der Kontrolle der Energiekonzerne stand.
Das geht zurück auf den Sturz der parlamentarischen Regierung des
Iran 1953. Damals hatten die Energieunternehmen die Regierung Eisenhower
fest in der Hand. Die US-Regierung wollte, dass die amerikanischen Energiefirmen
40 Prozent der britischen Ölkonzession im Iran übernehmen
Großbritannien besaß seinerzeit die volle Konzession ,
doch das wollten die US-Konzerne nicht. Auf kurze Sicht war für sie
die Ölförderung in Saudi-Arabien sehr viel lukrativer als im
Iran. Wegen gewöhnlicher Geschäftsinteressen wollten sie keinen
Konflikt mit den Saudis. Die US-Regierung zwang sie aber mit der Androhung
von Kartellverfahren und anderen Maßnahmen dazu, und die Konzerne
mussten sich fügen. Die gleiche Dynamik ist auch jetzt wieder zu
beobachten.
Ich bin sicher, dass die Vertreter von Exxon Mobil und anderen Konzernen
sehr gern im Iran investieren würden, weil das sehr profitabel für
sie sein könnte. Aber die Regierung lässt das nicht zu, obwohl
die Energieunternehmen die Bush-Cheney-Administration fest in der Hand
haben. Als Vorstand von Exxon Mobil trifft jemand wahrscheinlich ganz
andere Entscheidungen als als US-Außenminister, weil die Interessenlange
sehr unterschiedlich sein kann.
Der Generaldirektor eines Unternehmens ist hauptsächlich an kurzfristigen
Gewinnen und Marktanteilen interessiert. Aber dieselbe Person hat als
Minister die längerfristigen wirtschaftlichen Gesamtinteressen im
Blick, und das führt zu anderen Entscheidungen. Die Beziehungen zwischen
Großunternehmen und Staatsregierungen sind also sehr eng, und die
Behörden stehen zweifellos unter dem mächtigen Einfluss der
Konzerne, doch es gibt eben auch interessante Konfliktfälle.
Kuba ist hierfür ein weiteres Beispiel: Beträchtliche Teile
der Wirtschaft, einschließlich der Ölgesellschaften, hätten
großes Interesse an einer Aufhebung des US-Embargos über Kuba,
aber die Regierung will das nicht. George Bush kommt zwar direkt aus der
texanischen Ölszene, würde aber eine Kooperation zwischen texanischen
Ölgesellschaften und Kuba zur Erschließung der Ölvorkommen
vor der kubanischen Küste nicht gestatten, auch wenn das für
die Ölfirmen sehr gewinnbringend wäre. Wegen dieses Konflikts
war es vor ungefähr einem Jahr in Mexiko-Stadt zu einer recht dramatischen
Konfrontation gekommen. Dort wollten sich Führungskräfte von
Ölkonzernen mit Vertretern der kubanischen Energiebehörde treffen,
um für amerikanische, hauptsächlich texanische Ölgesellschaften
Investitionspläne für die kubanischen, anscheinend reichhaltigen
küstennahen Ölvorkommen auszuarbeiten. Die Bush-Regierung fand
heraus, dass das Treffen in einem Hotel der Sheraton-Kette stattfinden
sollte, die amerikanisches Eigentum ist, und befahl dem Hotel, alle rauszuschmeißen,
Bushs Golfpartner eingeschlossen, und das Hotel musste dem Folge leisten.
Mexiko war darüber sehr verstimmt. Das war eine Verletzung seiner
Souveränität, aber die Regierung konnte nichts tun. Dieser Fall
ist bemerkenswert, es gibt aber noch andere.
SI:
Welcher Preis muss alles in allem für diese Verbindungen zwischen
Staat und Unternehmen bezahlt werden?
NC:
Der Preis, den die Opfer in der Dritten Welt dafür zu zahlen haben,
ist unabsehbar. Nehmen Sie zum Beispiel Guatemala. 1954 hatte die Regierung
Eisenhower die demokratische Regierung von Guatemala hauptsächlich
wegen der Interessen von multinationalen Firmen gestürzt. Was das
Guatemala seither gekostet hat, ist buchstäblich unermesslich. Noch
heute, nach so langer Zeit, ist Guatemala das Land mit der höchsten
Gewaltrate in der Region ungeheure Armut, Hunderttausende hingemetzelte
Menschen. Wie wollen Sie berechnen, was das kostet? Guatemala
war Anfang der 1950-er Jahre auf dem besten Wege, sich ähnlich wie
Costa Rica zu entwickeln, doch die Intervention der Eisenhower-Administration,
die auch auf den Einfluss der Unternehmen zurückzuführen ist,
führte in die Katastrophe.
Ein weiteres Beispiel ist Chile. Viele Unternehmen hatten großes
Interesse an einem Sturz der Regierung von Präsident Salvador Allende.
Was dort geschehen ist, wird häufig auch als der erste 11.
September bezeichnet. Am 11. September 1973 fand mit Unterstützung
der USA ein Militärputsch statt. Würde man das, was in Chile
geschah, an den schrecklichen Ereignissen vom 11. September in den USA
messen, dann hätte al-Qaida das Weiße Haus bombardiert und
den Präsidenten getötet, die Regierung gestürzt und eine
brutale Diktatur eingesetzt, die anschließend 50 000 bis 100 000
Menschen umgebracht, 700 000 gefoltert und ein internationales Terrorismuszentrum
aufgebaut hat, das im Laufe der Zeit in der ganzen Hemisphäre Regierungen
gestürzt hat. Angesichts dessen verblasst der 11. September 2001,
aber so war es.
In Indonesien kamen 1965 auch hier unter der massiven Einflussnahme
von Großunternehmen, die sich für die Ressourcen des Landes
interessierten durch den von den USA unterstützten Militärputsch
in wenigen Monaten Hunderttausende von Menschen ums Leben, das Land wurde
einem üblen Diktator und den dementsprechend grauenvollen Folgeerscheinungen
überlasen. Es ließen sich noch sehr viele weitere Beispiele
anführen. Was das alles gekostet hat, ist unvorstellbar.
SI:
Wenn man bedenkt, dass die Verbindung von Regierung und Wirtschaft gesellschaftliche
Katastrophen und wirtschaftliche Ungleichheit erzeugt, und dass die Erderwärmung
die Zukunft des ganzen Planeten bedroht, fragt man sich doch: Warum lassen
sich Politiker und Topmanager auf derart selbstmörderische Unternehmungen
ein, obwohl doch auch ihr eigenes Leben und ihre Zukunft von der Sicherheit
und Gesundheit der Menschen und der Welt abhängen, die sie gefährden?
NC:
Als Firmenchef oder hoher Regierungsbeamter, der sehr stark unter dem
Einfluss der Wirtschaft steht, sind Sie an Macht, Profiten, Privilegien
und Vermögen in der nahen Zukunft interessiert. Andererseits haben
Sie vielleicht Enkelkinder und möchten, dass sie eine lebenswerte
Welt vorfinden. Darüber machen Sie sich vielleicht Gedanken, wenn
Sie nach Hause gehen, aber an ihrem Arbeitsplatz gehört das nicht
zu Ihren Aufgaben. Als Generaldirektor eines Unternehmens beispielsweise
besteht ihre Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass der nächste
Quartalsabschluss gut ausschaut. In der Geschäftswelt gibt es kaum
langfristige Planung, und dafür gibt es Gründe. Es ist fast
schon eine institutionelle Verpflichtung, Wir haben eigentlich kein ausgeprägtes
Wettbewerbssystem. Es ist in vielerlei Hinsicht eher ein oligarchisches
System mit ein wenig Wettbewerb.
Nehmen Sie das führende Exportprodukt: Zivilflugzeuge. Eigentlich
gibt es auf der ganzen Welt nur zwei große Hersteller von Zivilflugzeugen:
Boeing und Airbus. Sie prozessieren ständig gegeneinander, weil
und das entbehrt nicht der Komik der jeweils andere höhere
staatliche Subventionen bekommen soll. Beide können nur durch die
gewaltigen staatlichen Subventionen überleben. Gewiss stehen sie
miteinander in Konkurrenz, aber unterstellen wir einmal, dass sie echt
kapitalistische Firmen und nicht staatskapitalistische Unternehmen sind.
Nehmen wir an, Airbus beschließt, seine Ressourcen in die Herstellung
eines hoch energieeffizienten Flugzeugs zu stecken, das in 20 Jahren produktionsreif
sei soll. Aber in 20 Jahren gäbe es Airbus gar nicht mehr, weil Boeing
die gleiche Summe in Flugzeuge investieren würde, die es nächstes
Jahr verkaufen will. Daher kann Airbus dieses Vorhaben nicht ausführen.
Dergleichen lässt sich in einem Marktsystem nicht entwickeln. Und
soweit es überhaupt den freien Markt gibt, ist eine langfristige
Planung aus institutionellen Gründen nicht möglich
SI:
Wie wirkt sich die Liberalisierung der Finanzstrukturen, die Anfang der
1970-er Jahre eingesetzt hat und als neoliberaler Kapitalismus bezeichnet
wird, auf die Demokratie aus?
NC:
Das hat man bereits in den vierziger Jahren sehr gut begriffen. Großbritannien
und die Vereinigten Staaten hatten nach dem Krieg das neue Wirtschaftssystem,
das sogenannte Bretton-Woods-System, bis ins Detail ausgearbeitet. Eines
der neuen Prinzipien bestand in der staatlichen Kontrolle der Kapitalflüsse
und der strengen Regulierung der Währungskurse, um deren Schwankungen
gering zu halten. Man ging zunächst davon aus, damit das Wirtschaftswachstum
zu steigern, was sich auch als zutreffend erwies: Es setzte das weltweit
längste Wirtschaftswachstum in der Geschichte ein. Aber es gab noch
ein anderes Anliegen: die Demokratie. Man war sich sehr wohl darüber
im Klaren, dass der Staat ein sozialdemokratisches Programm einfach nicht
durchführen kann, ganz gleich, wie sehr die Bevölkerung dafür
wäre, solange er nicht in der Lage ist, die Kapitalströme und
den Kurs seiner Währung zu kontrollieren. Die Gründe dafür
liegen auf der Hand. Man kannte und diskutierte sie.
Wenn der Staat den Wechselkurs nicht kontrollieren kann, dann entsteht
ein, wie internationale Ökonomen es nennen, virtuelles Parlament
aus Investoren und Kreditgebern, die ununterbrochen über die Regierungspolitik
abstimmen. Das bedeutet aber, dass die Regierung es mit zwei Wählerschaften
zu tun hat die eine ist die Bevölkerung, die andere dieses
virtuelle Parlament. Befindet das virtuelle Parlament, dass eine Regierungsmaßnahme
irrational sei, womit gemeint ist, dass sie der Bevölkerung
dient, dem Profit aber abträglich ist, dann kann es diese durch Kapitalflucht,
Angriffe auf die Währung und andere Maßnahmen verhindern, denen
die Regierung machtlos gegenüber steht, wenn sie nicht über
die Mechanismen des Bretton-Woods-Systems verfügt. Nachdem diese
Mechanismen in den siebziger Jahren demontiert wurden, kam das, was man
vorhergesehen hatte: eine stark beeinträchtigte Wirtschaftsentwicklung
und Angriffe auf die Demokratie.
SI:
Wie steht es mit der Demokratie in den Vereinigten Staaten?
NC:
Das bisweilen zitierte Demokratiedefizit, das Versagen normaler
demokratischer Institutionen, ist enorm. Die öffentliche Meinung
in den Vereinigten Staaten ist sehr gut erforscht, und vieles ist bekannt.
Sie erweist sich über lange Zeiträume hinweg als recht konsequent
und in sich stimmig. Zu diesem Thema erschien 2006 ein Buch von Benjamin
Page und Marshall Bouton [The Foreign Policy Disconnect]. Ferner ist allgemein
bekannt, dass bei bedeutenden innen- und außenpolitischen Themen
zwischen der öffentlichen Meinung und der Politik eine tiefe Kluft
besteht. Faktisch bewegen sich die beiden [amerikanischen] politischen
Parteien bei sehr vielen wichtigen Themen ziemlich weit rechts von der
Bevölkerung.
Um in solch einer Situation an der Macht zu bleiben, müssen Inhalte
aus dem Wahlkampf herausgehalten werden. Die dafür verantwortlichen
Parteimanager müssen sich an die Einrichtungen wenden, mit denen
sie gut vertraut sind. Das sind letztlich dieselben PR-Firmen, die Ihnen
im Fernsehen Zahnpasta oder Lifestylepräparate verkaufen wollen.
Wie das funktioniert, wissen wir. Da taucht zum Beispiel in einem Werbespot
für ein Fitnesspräparat ein Footballprofi oder eine attraktive
Schauspielerin auf und sagt: Das ist gut für A. Fragen Sie
Ihren Arzt, ob es auch für Sie gut ist. Informationen erhalten
Sie nicht. Oder Sie sehen eine Autowerbung, in der Sie über das Auto
selbst kaum etwas erfahren. Man versucht, Sie mit Bildern zu täuschen.
Mit solchen Mitteln werden die Märkte unterminiert. Unternehmen halten
nicht viel von Märkten sie möchten sie beherrschen. Sie
wollen keine Märkte mit informierten Konsumenten, die vernünftige
Entscheidungen treffen.
Diese Institutionen führen also auch die Wahlkampagnen durch und
wollen Kandidaten verkaufen. Das ist die Ware, die sie verkaufen. Sie
wollen über ihre Kandidaten nicht mehr Informationen herausgeben
als General Motors über seine Autos. Sie wollen die Wähler mit
Bildern und Phrasen täuschen. Bei den letzten Wahlen beispielsweise
hat man versucht, George Bush nicht mit seiner Politik das würde
niemals klappen zu verkaufen, sondern mit seiner äußeren
Erscheinung als ganz normaler netter Typ. Er spricht Wörter genauso
falsch aus wie wir normalen Leute auch, und ich würde ihn mal gerne
auf einer Grillparty treffen und so weiter. Am Ende wählen
ihn dann Leute, die eigentlich gegen seine Politik sind und sich dessen
vielleicht noch nicht einmal bewusst sind. Nur sehr wenige Bush-Wähler
wussten, welche Politik er vertritt. Die meisten glaubten, er sei für
das Kyoto-Protokoll weil sie es waren.
Es ist fast das Gleiche wie, Zahnpasta oder modische Präparate im
Fernsehen zu verkaufen. Angesichts des enormen Demokratiedefizits, der
tiefen Kluft zwischen der öffentlichen Meinung und der Politik werden
Wahlen notgedrungen und zunehmend so verlaufen. In einer Kommerzgesellschaft
mit einer starken Kapitalkonzentration und einer atomisierten, desorganisierten
Öffentlichkeit ist das eine folgerichtige Entwicklung. Politische
Parteien im eigentlichen Sinne gibt es bei uns nicht. Unsere Parteien
sind Maschinen, die Kandidaten produzieren. Sie sind nicht Institutionen,
an denen die Bürger beteiligt sind, und wenn, dann nur geringfügig.
Politik beruht heute nicht auf Programmen, die von den Wählern formuliert
werden, höchstens marginal. Die Öffentlichkeit ist aufgesplittert
jeder ist isoliert einer enormen PR-Industrie- und Medienpropaganda
ausgesetzt, und das hat zu dem besagten Demokratiedefizit geführt.
Weitere
Information unter: www.chomsky.info, www.gegemonyorsurvival.net, www.americanempireproject.com
|