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In
Auszügen. Das vollständige Interview finden Sie in der Magazinausgabe
von Share International, Juli/August 2009.
Dries
van Agt war von 1971 bis 1977 Justizminister und von 1977 bis 1982 Ministerpräsident
der Niederlande. Der promovierte Jurist bekleidete außerdem mehrere Universitätslehrämter.
Nach seinem Rückzug aus der nationalen Politik war er unter anderem als Vertreter
der Europäischen Union in Japan und den Vereinigten Staaten tätig. Im
August 2005 leitete van Agt eine europäische Delegation bei einer Erkundungsmission
in Israel und in den Palästinensergebietent, wo er sich selbst von den schrecklichen
Zuständen überzeugen konnte, die die Palästinenser seit Generationen
erdulden müssen. Seither setzt er sich unermüdlich für die Rechte
der Palästinenser ein und gehört damit zu den wenigen prominenten Personen
des öffentlichen Lebens in den Niederlanden, die dies offen tun. Erik
Hutter: Sie sind dafür bekannt, dass Sie sich leidenschaftlich für die
Sache der Palästinenser einsetzen. Unmittelbar nach dem Angriff Israels auf
Gaza im Dezember [2008] habe ich Sie in der niederländischen Fernsehnachrichtensendung
Nova gesehen. Ich war auch auf Ihrer Website, die von enormem Mitgefühl zeugt.
Woher kommt dies? Dries van Agt: Ich werde häufig gefragt: "Warum
kümmern Sie sich so sehr um Palästina und die Palästinenser? Warum
kritisieren Sie Israel so heftig, während von Ihnen nie etwas über Tibet,
Darfur oder Ostkongo zu hören ist, wo doch bei weitem noch mehr Not und Elend
herrschen?" Ich habe darauf folgende Antwort: Aufgrund meiner Herkunft
und meiner Erziehung habe ich ein tiefes Interesse am "Heiligen Land"
entwickelt. Weil ich Christ bin, neige ich dazu, mich besonders auf dieses Land
zu konzentrieren. Außerdem fühle ich mich zutiefst dem Recht verpflichtet,
nicht nur, weil ich auf diesem Gebiet meinen Abschluss und Verschiedenes gemacht
habe. Ich gehöre zu der Kategorie von Akademikern, die sich von ganzem Herzen
dem Recht verschrieben haben, und deshalb beunruhigt es mich so sehr, dass der
Staat Israel das Völkerrecht so häufig und so schwer verletzt. Angesichts
der zunehmenden Globalisierung wird es höchste Zeit, dass wir eine internationale
Verfassung schaffen. Um das jedoch erreichen zu können, müssen wir das
bestehende Völkerrecht mit Sorgfalt und Respekt behandeln. Trotz seiner Mängel
muss es gehütet und weiterentwickelt werden. Hinzu kommt, dass sich Israel
rühmt, zum Zirkel der zivilisierten Nationen zu zählen. EH:
Israel bezeichnet sich als eine "Oase der Zivilisation" im Nahen Osten. DvA:
"Eine Oase der Zivilisation", ja, das trifft es noch besser, eine Oase
der Zivilisation im Nahen Osten - ein Beispiel für viele. Und gerade darum
missbillige ich das Verhalten Israels so sehr. Meine Leidenschaft rührt
auch daher, dass ich Europäer bin. Diese erbärmliche Situation wäre
ohne den Ersten Weltkrieg, die Balfour-Deklaration von 1917 und das britische
Mandat wahrscheinlich niemals entstanden. Wenn die Briten nicht in den Nahen Osten
gegangen wären - die Franzosen teilten übrigens mit Freuden das Osmanische
Reich, die Beute auf -, hätten die Dinge mit ziemlicher Sicherheit eine andere
Wendung genommen. Großbritannien ist ein europäisches Land, und daher
betrifft das mich als Europäer auch. Und das gilt natürlich in noch
größerem Maße für Deutschland und den Holocaust. Ohne diese
beiden Faktoren wäre ein derart expansionistisches Israel, Zion, niemals
entstanden. Als Europäer empfinde ich eine Verpflichtung, dagegen etwas zu
unternehmen. EH: Warum behandeln die Politiker
Ihrer Meinung nach Israel und Palästina unterschiedlich? DvA: Einer
der Gründe dafür, vermutlich der Hauptgrund, ist sicherlich die ungelöste
Schuldfrage des Holocaust. Das gilt für die Niederlande, aber nicht nur,
nehme ich an. In den vergangenen zehn Jahren haben uns mehrere Veröffentlichungen
von Historikern aufgeschreckt, die aufgedeckt haben, dass wir keinerlei Grund
haben, mit uns zufrieden zu sein und zu erzählen, wie mutig wir in den Jahren
1940 bis 1945 gewesen seien. Es scheint, dass wir total versagt, was den Schutz
der Juden in unserer Mitte betraf - die Mutigen natürlich ausgenommen. Dänemark
wird oft angeführt als ein kleines Land, in dem die Juden weniger leiden
mussten, weil die Dänen mutiger waren als wir. Das traf, und seitdem sind
wir in dem starken Drang nach Überkompensation befangen. Man muss aber zwischen
den Juden und dem Staat Israel unterscheiden, macht man dies nicht, kann das Land
tun und lassen kann, was es will, und wird trotzdem unterstützt. EH:
Welche Chancen bestehen für den Friedensprozess? DvA: Das ist extrem
schwierig. Ich bin nicht der Einzige, der zu dem schrecklichen Fazit gekommen
ist, dass es ohne Intervention oder zumindest beträchtlichen Druck von außen
nicht zu einem vernünftigen Ergebnis und daher auch nicht zu einem gerechten
Frieden kommen wird, was für mich Frieden auf der Grundlage des Völkerrechts
bedeutet. Ohne Druck von außen - im Gegensatz zu dem, was die Vereinigten
Staaten bisher gemacht haben - ist das nicht mehr möglich. Die Vereinigten
Staaten haben Israel immer unterstützt, egal, was Israel gemacht hat. Und
woher soll der neue äußere Druck kommen? Im Moment herrscht zwar eine
Obama-Euphorie - sie ist noch nicht abgeklungen -, aber ich denke, dass wir in
Obama - ein hoch interessanter Mann - nicht allzu hohe Erwartungen setzen sollten.
Wie wir wissen, hat Obama im Wahlkampf, besonders in seiner Rede vor dem amerikanisch-israelischen
Ausschuss für öffentliche Angelegenheiten (AIPAC), der mächtigsten
Lobby in den Vereinigten Staaten, Erklärungen abgegeben, die nicht weniger
pro-israelisch waren als die von John McCain. [Das Interview fand im Februar 2009
statt.] EH: Glauben Sie, dass Obama in seiner Rede
vor dem AIPAC auch meinte, was er sagte? DvA: Ja, allerdings, obwohl das
auch Wahlkampf war - schließlich konnte er auf die Stimmen des AIPAC und
das Geld, das diesem zur Verfügung steht, nicht verzichten. Aber er hat
diese Erklärungen ausgesprochen und sich obendrein mit vielen Spitzenbeamten
und Mitarbeitern umgeben, die mit dem AIPAC oder ähnlichen Organisationen
Kontakt haben. Ich erwarte keine großartigen Verbesserungen von Washington,
und falls es doch dazu kommen sollte, dann umso besser. Die Initiative muss
von Europa ausgehen. Wir haben uns als ziemlich unfähig erwiesen, was zum
Teil leider auch an den Niederlanden liegt. Wenn bei den Beratungen der Europäischen
Union jemand die Frage stellt: "Sollten wir Israel nicht eine Verwarnung
erteilen, um unser Missfallen zu äußern?", kann man praktisch
immer damit rechnen, dass die Deutschen, Briten und Niederländer Probleme
machen, sodass der erforderliche Konsens nie zustande kommt. Wie Sie vielleicht
wissen, müssen alle außenpolitischen Beschlüsse einstimmig gefasst
werden. Bei den Deutschen mache ich, wenn es um Israel geht, allerdings immer
eine Ausnahme, weil deren Reaktion verständlicherweise absehbar ist. Was
jedoch die Briten und die Niederländer betrifft: Ihre Haltung ist unverzeihlich. EH:
Es wird häufig die Schuldfrage gestellt: Wer hat was zuerst getan? DvA:
Bei jeder Diskussion über das Problem Israel-Palästina begegnet einem
immer wieder das Problem des chronologischen Ablaufs - damit meine ich die Abfolge
von Ursache und Wirkung. Das war auch bei dem Krieg in Gaza der Fall, da war ständig
die Rede von der sogenannten Selbstverteidigung: "Die Palästinenser,
die Hamas, diese Aktivisten beschießen uns [Israel] immer wieder mit Raketen
- das muss aufhören, wir können das nicht länger dulden."
Solche Aktionen sind äußerst unangenehm, sie sind illegal und verstoßen
die Menschenrechte - "darum mussten wir einfach reagieren". Abgesehen
von der eklatant unverhältnismäßigen Vergeltung für die Raketenangriffe,
die in fast allen Medienberichten, die ich mitbekommen habe, keinerlei Erwähnung
findet, war es die Blockade von Gaza, die den Raketeneinsatz gegen Israel ausgelöst
hat. Diese Blockade bestand faktisch mehr oder weniger seit 1993, wurde aber 2006
unmittelbar nach dem Wahlsieg der Hamas noch verstärkt und hat Gaza nahezu
erstickt. Damit fing die ganze Sache in Wirklichkeit an, nicht mit den Raketen. EH:
Wir haben bereits über die Aufgabe gesprochen, die Europa übernehmen
könnte. Worin könnte diese bestehen? DvA: Es ist offensichtlich,
was Europa tun kann. Unsere Macht ist die Wirtschaft, und sie ist beträchtlich.
Das ist alles, was wir haben, aber das reicht. Rund zwei Drittel aller Exporte
Israels gehen nach Europa. Wenn wir den politischen Willen hätten, könnten
wir auf der Basis von Artikel 2 des Assoziationsabkommen EU-Israel eine Menge
erreichen. Das absurde Verhalten der EU hat kürzlich einen Höhepunkt
erreicht: Als Israel im Mai, Juni 2008 seinen 60. Jahrestag feierte, forderte
es von der EU eine Intensivierung und Erweiterung der damals bereits engen gegenseitigen
Beziehungen. Diesem Verlangen wurde mit einem "Im Prinzip ja" entsprochen,
wobei die Details noch auszuarbeiten wären. Meiner Ansicht nach ist das kompletter
Irrsinn. Eine bessere Unterstützung hätte Israel für die Fortsetzung
seiner Ungerechtigkeit von der EU nicht bekommen können. Ich verstehe das
überhaupt nicht - die Schuld gebe ich allen EU-Staaten, die Niederlande eingeschlossen.
Wir können etwas unternehmen, tun es aber nicht und machen uns damit dieser
kolossalen Ungerechtigkeit mitschuldig. EH: In
den Medien ist häufig zu lesen, dass die Hamas die Probleme verursache, weil
sie, wie Sie gerade erwähnt haben, Raketen auf Israel abfeuert. Die Hamas
ist die rechtmäßig gewählte Regierung von Palästina. Wie
beurteilen Sie die Hamas? DvA: Wie Sie sagen, ist die Hamas die rechtmäßig
gewählte Regierung der Palästinenser. Sie wurde mit Wahlen gewählt,
die (a) wir im Westen wollten und die (b) laut sämtlichen Beobachtern korrekt
waren. Ich kann mir keine wirksamere Werbung gegen die Demokratisierung vorstellen
als unsere Reaktion [die des Westens] auf diese Wahlen, die sich bis heute nicht
verändert hat. Ungefähr 46 Parlamentsmitglieder der Hamas befinden
sich zur Zeit in israelischen Gefängnissen; sie wurden bald nach den Wahlen
zusammen mit einer Reihe von Hamas-Ministern inhaftiert. Doch dazu schweigt die
demokratische Welt. EH: Was würde geschehen,
wenn die andere Seite betroffen wäre? DvA: Die Welt wurde vor Empörung
explodieren! Es ist nicht wahr, wie behauptet wird, dass die Hamas die Friedensbemühungen
beispielsweise mit ihrem Raketenbeschuss fortwährend sabotiert - das Gegenteil
ist wahr. Ein Bericht in meinen Unterlagen, den ein gleichgesinnter Freund gewissenhaft
zusammengestellt hat, enthüllt, dass in Wirklichkeit die Hamas mehrere Male
den Waffenstillstand erklärt hat - einseitig, weil bilaterale Übereinkommen
nicht möglich waren, da Israel es ablehnte, mit der Hamas zu sprechen. Dieser
mehrmalige Waffenstillstand wurde wiederholt durch israelische Gewaltakte gebrochen,
wie gezielte Tötungen, die Invasion von Gaza, den Beschuss von Gaza vom Meer
aus, die Tragödie in Beit Hanoun, wo eine neun- oder zehnköpfige Familie
beschossen und dabei getötet wurde. Der Bericht liefert einen vollständigen
Überblick über die tatsächlichen Ereignisse. Dabei kristallisiert
sich ein Muster heraus: Die Hamas ruft den Waffenstillstand aus, und Israel bricht
ihn...
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