"Setzt eure Hoffnung auf eine bessere Welt"


Ein Interview mit Dr. Robert Muller
von Felicity Eliot

Viele Menschen halten die Vereinten Nationen für etwas Selbstverständliches, für etwas, das es immer gab und immer geben wird. Dr. Robert Muller, der mit den UN seit deren Gründung verbunden ist und für sie gearbeitet hat, beschreibt, wie wichtig sie bisher für die Welt waren und auch künftig sein werden.
Muller stieg im Laufe seiner Karriere innerhalb der Vereinten Nationen bis zum stellvertretenden Generalsekretär auf. Er gilt als der "Philosoph" und der "Prophet der Hoffnung" der Vereinten Nationen. Er ist ein zutiefst spiritueller Mensch, der über erstaunliche praktische Erfahrungen und Erkenntnisse verfügt.
Der weltweit bekannte "Vater einer globalen Bildung" verfaßte ein "World Core Curriculum", einen globalen Kernlehrplan. Inzwischen gibt es 43 Muller-Schulen rund um den Globus, und jedes Jahr kommen neue hinzu. 1989 wurde ihm für dieses Curriculum der UNESCO-Preis für Friedenserziehung verliehen. Darauf aufbauend und immer im Dienst einer guten Sache hat Muller vor kurzem einen Rahmenplan für eine Medienberichterstattung als öffentliche Dienstleistung, einen Rahmenplan für planetares und kosmisches Bewußtsein und einen Rahmenplan für Kunst und Kultur entworfen.
Muller ist heute im aktiven "Ruhestand" – mit starker Betonung auf aktiv. Er ist Kanzler Emeritus der von den Vereinten Nationen gegründeten Friedensuniversität im militärfreien Costa Rica. Er bemüht sich vor allem darum, unter den Menschen ein größeres Verständnis und globales Bewußtsein zu wecken. Kürzlich wurde er mit dem Albert Schweitzer International Prize for the Humanities und dem Eleanor Roosevelt Man of Vision Award geehrt, und am 19. Oktober wird er mit dem GOI Peace Award 2003, einem japanischen Friedenspreis, ausgezeichnet.

Muller wurde bereits früher von Share International interviewt, und, was das Überleben der Vereinten Nationen betrifft, als chronischer Optimist vorgestellt (siehe Ausgaben Dezember 1993 und Mai 2003).

Für Share International sprach Felicity Eliot mit ihm.

Share International:
Gerade habe ich die ausgezeichnete Biographie von Douglas Gilles, Prophet: the Hatmaker's Son, the Life of Robert Muller und ein Interview gelesen, das Share International früher mit Ihnen geführt hat. Mich hat dabei beeindruckt, daß Sie von Anfang an erkannt haben, wie wichtig die Vereinten Nationen sind und noch sein könnten. Was hat sie an den Vereinten Nationen so fasziniert, und welche Ideale und Hoffnungen verbinden Sie damit?

Robert Muller:
Als ich zur UNO kam, war ich ein ziemlich pessimistischer junger Mann... Zu Lebzeiten meines Großvaters waren Frankreich und Deutschland dreimal gegeneinander in den Krieg getreten, wodurch mein Großvater fünfmal die Nationalität wechseln mußte, ohne je seine Heimatstadt verlassen zu haben. Mein Vater war Soldat und trug einmal die deutsche und einmal die französische Uniform. Wenn diese zwei zivilisierten Länder schon nicht in der Lage waren, einen Krieg zu verhindern, wie sollte ich dies dann von einer Welt erwarten können, auf der es 5000 verschiedene Religionen und Sprachen, Schwarze und Weiße, Kommunisten und Kapitalisten gibt, die alle völlig unterschiedlich Vorstellungen haben? Irgendein Zwischenfall hätte einen neuen Weltkrieg auslösen können.
Als ich zum erstenmal zu den UN kam, dachte ich mir, daß folgendes über der Tür stehen sollte: "Laßt, die ihr einkehrt, alle Hoffnung fahren." Heute, mit achtzig Jahren, kann ich nur staunen, daß es wunderbarerweise nicht zu einem Weltkrieg kam – und das ist weitgehend den Vereinten Nationen zu verdanken. Heute sollte daher über der Tür stehen: "Setzt, die ihr einkehrt, eure Hoffnung auf eine bessere Welt."
Auch wenn bisher verhindert wurde, daß die UN bei der Konfliktbeilegung eine maßgebliche Rolle spielen, sollten wir nicht vergessen, daß sie auf anderen Gebieten sehr viel Gutes getan haben. 1952 wußten wir noch nicht einmal, wie groß die Weltbevölkerung war, und führten daher die erste Zählung durch, und wir brachten das Thema Armut in den armen Ländern auf. Dank der UN konnten inzwischen auch viele Krankheiten ausgemerzt oder in Schach gehalten werden.
Die UN haben 34 Organisationen geschaffen, die sich weltweit mit Problemen der Wirtschaft, Gesundheit, Landwirtschaft und so weiter befassen. Die Weltgesundheitsorganisation und viele Regionalagenturen wurden unter anderem auch wegen der Umweltprobleme geschaffen – heute gibt es in fast jedem Land ein Umweltministerium.
Es ist unvorstellbar, was diese Organisation zum Wohle aller Völker erreicht hat: die Abschaffung des Kolonialismus und der Apartheid. Ich kann es selbst kaum glauben. Mein lieber Freund Douglas Roche, der kanadische Botschafter, und ich haben bereits vor dem Jahr 2000 das Buch Safe Passage into the 21st Century geschrieben, um einmal sämtliche Errungenschaften der Vereinten Nationen und das, was noch alles getan werden muß, aufzuzeichnen. Mindestens fünfzig solcher Erfolge konnte ich auflisten.
Eines Tages sagte meine Frau Barbara zu mir, daß es nur noch 2000 Tage bis zum Jahr 2000 seien, und da ich so viele Ideen hätte, sollte ich jeden Tag eine aufschreiben. Nun, inzwischen habe ich 5700 "Ideen und Träume für eine bessere Welt". Und sehr viele wurden von den Vereinten Nationen und anderen Organisationen realisiert. Ich bin also von einem pessimistischen jungen Mann zu einem optimistischen alten Mann geworden, der niemals aufgibt.
Die Menschheit verändert sich. Heute gibt es die Europäische Union, die auch von jungen Leuten wie mir in Elsaß-Lothringen gegründet wurde, um den Konflikten und dem Haß zwischen Franzosen und Deutschen ein Ende zu setzen. Ich träumte als Kind davon, daß die Grenze in meiner Heimatstadt verschwand, und das geschah dann 1992. Ich fuhr dorthin, um die Aufhebung der Grenzen zwischen fünfzehn europäischen Ländern in der neuen Europäischen Union zu feiern und darüber zu berichten. Hätte mir Jahre zuvor jemand gesagt, daß ich ein Europa ohne Grenzen erleben würde, hätte ich das nicht geglaubt.
Inzwischen haben sich zehn weitere Länder zum Beitritt entschlossen, und 25 weitere warten darauf, ihren Antrag stellen zu können. Vielleicht wird die Europäische Union also ein größerer Erfolg als die Vereinten Nationen. Und dann werden die Vereinigten Staaten aufwachen und sagen: Schaut euch an, was die Europäer machen. Sie haben sogar eine eigene Währung, die weltweit mit dem amerikanischen Dollar konkurriert. Vielleicht kommen die Vereinigten Staaten dann auf die Idee, daß sie ihr Hauptaugenmerk auf die Vereinten Nationen richten und sie immer mehr stärken sollten, damit sie zur wichtigsten Weltorganisation werden.

SI: Auch wenn Sie hinsichtlich der UN optimistisch sind – was halten Sie von den jüngsten Ereignissen? Damit meine ich die Manipulationen und Versuche, die UN auszubooten. Glauben Sie, daß die UN einen irreparablen Schaden erlitten haben?

RM:
Nun, offen gesagt, auch wenn der Intervention der Vereinten Nationen hier eine Absage erteilt wurde, so war das unendlich viel besser als alles bisher. Der Vietnamkrieg beispielsweise wurde nie vor die Vereinten Nationen gebracht. Als sich junge Amerikaner vor dem UN-Sicherheitsrat anketteten, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, sagte ich ihnen: "Ihr habt euch am falschen Ort angekettet. Geht über die Straße und kettet euch an der amerikanischen UN-Botschaft an, weil die Vereinten Nationen sich noch nicht einmal ansatzweise mit dem Vietnamkrieg befassen dürfen."
Im Falle des Irak hätten jetzt die Russen oder andere das gleiche tun können, aber sie wollten die Vereinigten Staaten nicht verärgern. Und sie waren wohl auch ganz froh, daß Saddam Hussein im Irak von der Bildfläche verschwand. Und meiner Ansicht nach ist mit der Irakaffäre etwas Großartiges geschehen: weil sie vor die Vereinten Nationen gebracht wurde und die Menschen auf der ganzen Welt ebenso wie der Sicherheitsrat gegen eine Intervention protestiert haben. Aus historischer Sicht ist das ein ganz schöner Fortschritt.
Daher betrachte ich das bloß als eine Phase in der Entwicklung und im Wachstum der Vereinten Nationen. Und Sie können sicher sein, daß George Bush, der Vater des gegenwärtigen Präsidenten, der selbst Delegierter bei den UN war, seinem Sohn raten wird, den UN gegenüber nicht zu fordernd aufzutreten und bitte nicht einmal im Traum daran zu denken, diese zu schließen.

SI: Ich frage mich, ob die Bürger der Welt über die UN, deren Arbeit und deren Erfolge seit ihrer Gründung eigentlich richtig informiert sind?

RM:
Ganz und gar nicht. Das ist wirklich ein Skandal. In den Schulen kommen die UN als Lehrstoff nicht vor – die Bildung konzentriert sich nur aufs eigene Land, sie ist keine Weltbildung. Jetzt gibt es immerhin die Vereinten Nationen der Kinder, wo Kinder die Position von Regierungen einnehmen, wählen und abstimmen können. Diese sogenannten Modell-Vereinten-Nationen sind auf der ganzen Welt sehr beliebt. Vor kurzem ging der Vollversammlung der Staatschefs eine ganze Woche voraus, in der Kinder mit den Staatschefs diskutierten und ihnen Fragen stellten.
Das ist Fortschritt, aber es sollte noch mehr UN-Unterricht geben. Die Medien sollten besser über die UN informiert sein. Die New York Times bringt immer negative Artikel über die UN, soweit ich mich erinnere. Es ist nur selten zu erleben, daß sie von den großen Zeitungen wohlmeinend behandelt werden.
Mir ist es wenigstens gelungen, einen jungen Mann, der mich bei den UN besucht und gefragt hatte, was er für die Welt tun könnte, davon zu überzeugen, ein Medienunternehmen zu gründen, das der Öffentlichkeit das enorme Wissen der UN und deren Ideen für eine bessere Welt vermittelt. Das war Ted Turner, der CNN schuf. Er vermachte den Vereinten Nationen Milliarden Dollar und betrachtet mich als einen der größten Menschen unseres Planeten, weil ich ihm dies angeraten hatte.

SI: Die Vereinten Nationen haben ihren Hauptsitz in New York – doch die USA scheinen es nicht zu schätzen oder nicht zu begreifen, welchen wertvollen Beitrag die UN mit ihrer enormen Bandbreite an Projekten für die Welt leisten. Immerhin waren es Amerikaner – Präsident Roosevelt und seine Frau –, die mit ihren Gedanken und ihrer Energie entscheidend zu der Formulierung der Menschenrechte in der UN-Charta beigetragen haben. Was muß getan werden, damit sich diese Situation ändert?

RM: Was Sie über Präsident Roosevelt und seine Frau sagen, ist sehr richtig. Sehr wichtig war aber auch, daß General Eisenhower erkannt hatte, daß die Republikaner sich für die UN engagieren sollten. Republikaner waren also an der Gründung der UN beteiligt.
Als Frau Roosevelt und meine Frau, die aus Chile stammt, die Menschenrechtserklärung vorstellten, schrieben die New York Times und andere Zeitungen: "Nun ja, ein weiteres UN-Papier, das sie getrost dem Papierkorb übergeben dürfen." Heute will kein einziger Staatschef der Verletzung von Menschenrechten beschuldigt werden – Menschenrechte wie jene der Frauen, Kinder, Behinderten, indigenen Völker und so weiter. Es ist wunderbar, was Frau Roosevelt mit ihrem Wunsch nach dieser allgemeinen Erklärung [der Menschenrechte] ausgelöst hat.

SI: Könnten Sie etwas über die Friedensuniversität in Costa Rica sagen?

RM: Die Situation hier ähnelt jener der Vereinten Nationen. Es ist eine großartige Vorstellung, daß wir hier die erste Weltfriedensuniversität haben. Als damals der Präsident von Costa Rica der UN-Generalversammlung eine solche Einrichtung vorschlug, lief ich hinunter und umarmte ihn. Aber die Regierungen waren daran nicht interessiert, woraufhin er uns 32 000 Hektar herrlichsten Geländes in diesem militärfreien Land anbot.
Ich hatte den Auftrag, von der UN-Vollversammlung die Zusage zu erwirken, die sie auch gab, allerdings unter der Bedingung, daß die UN die Universität nicht finanzieren müssen. Und das war eigentlich der Todesstoß. Aber dann gelang es mir, von einem japanischen Philanthropen eine Million Dollar zu bekommen. Die Universität hat ein wunderbares Gebäude mit diversen Einrichtungen, aber selbst heute, nach fast zwanzig Jahren, hat sie nicht mehr als rund sechzig Studenten aus aller Welt.
Neulich hat Generalsekretär Kofi Annan sein Interesse an der Universität bekundet und uns besucht. Er hat Maurice Strong, der sich so erfolgreich für die Umwelt eingesetzt hat, die Aufsicht übertragen, und inzwischen haben die Regierungen begonnen, die Universität zu finanzieren. Ich bin Kanzler Emeritus der Universität, aber ich leite sie nicht – das machen jüngere Leute. Ich bin sicher, daß sie eine der größten Universitäten unseres Planeten sein wird, denn neue Institutionen wie die Vereinten Nationen, die auf der Welt wirklich etwas verändern, erfahren immer Widerstand, weil die bereits bestehenden sich nicht verändern wollen.
Die Universität wird heute zwar akzeptiert, aber es wird noch eine Weile dauern, bis sie die erforderlichen Mittel erhält. Das Militär ist über die UN-Universität alles andere als glücklich. Weltweit gibt es rund 600 Militärakademien und -einrichtungen. Sie fürchten, daß sie sich auflösen müssen, sie haben Angst, attackiert zu werden und ihre Daseinsberechtigung zu verlieren. Es gibt für sie nicht mehr genügend Kriege auf der Welt.

SI:
Sie wissen mehr als die meisten anderen, was in den UN und ihren vielen Organisation vor sich geht. Sind sie in ihrer heutigen Form tatsächlich für die Völker der Welt repräsentativ?

RM: Ich würde sagen, daß die UN heute praktisch alle Länder der Erde repräsentieren – und das erstaunt mich selbst. Heute gehören ihnen 190 Mitgliedstaaten an, bei ihrer Gründung waren es 46. Können Sie sich das vorstellen?
Die UN sind sehr gut vertreten – durch die Weltgesundheitsorganisation, kulturell durch die UNESCO, durch die Internationale Arbeitsorganisation, durch das Welternährungsprogramm und durch die 34 UN-Behörden und -Büros.
Ein Problem ist jedoch, daß es bei den UN noch immer keine Parlamentsvertretungen der Länder gibt, denn deren Vertreter könnten ihren Parlamenten Bericht erstatten und mit Kommunalparlamenten statt mit den kommunalen Ministerien und Bürokratien zusammenarbeiten. Die EU, die ja ein Parlament hat, hat kürzlich erklärt, daß es ein UN-Parlament mit beratendem Charakter geben sollte.

SI: Darf ich Sie bitten, einen kurz- wie auch langfristigen Blick in die Zukunft zu werfen und einige Empfehlungen zu strukturellen Veränderungen der UN zu geben, damit sie zum zentralen Gesprächsforum der Welt werden können, in der alle Länder gleich und fair repräsentiert sind?

RM: Die Vereinten Nationen müssen von Grund auf neu überdacht werden. Die Welt sollte von Grund auf ihr politisches System, ihr wirtschaftliches System, ihr Bildungssystem, einfach alles neu überdenken.
Ich habe eine Liste mit 21 wichtigen Themen, die die ganze Welt angehen und völlig neu überdacht werden sollten, weil wir inzwischen eine globale Gesellschaft mit schnellen Kommunikationswegen haben – den Luftverkehr, die unglaublichen Transportmöglichkeiten, die rapiden Interkommunikationsmöglichkeiten, die Computersysteme. Wie sich die Welt verändert hat! Und daher sollten die UN definitiv neu überdacht werden.
Im Jahr 2000 wurde die erste Vollversammlung der Staatschefs gebeten, über die Vereinten Nationen neu nachzudenken und Reformen vorzuschlagen, damit diese auf die wachsenden globalen Probleme der Menschheit richtig reagieren können. Ein Komitee unter dem Vorsitz des schwedischen Ministerpräsidenten hat einen dicken Bericht zu einer UN-Reform vorgelegt, doch die Staatschefs schenken ihm keinerlei Beachtung. Sie wollen nichts von ihrer Souveränität verlieren.
Was mich betrifft, so habe ich geschrieben, und das sage ich auch bei meinen Vorträgen, daß unser Planet nicht gut regiert wird. Es ist jetzt absolut entscheidend, daß wir konkret erarbeiten, wie unser Planet besser zu regieren wäre. Und an erster Stelle sollte eine Reform der Vereinten Nationen stehen.
Weitere Informationen unter: www.robertmuller.org, www.goodmorningworld.org

Felicity Eliot ist Redakteurin von Share International in Amsterdam.



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