Das Rätsel der Kornkreise
von Adam Parsons


Auszug aus dem im Magazin Share International, Ausgabe Dezember 2005, veröffentlichten Artikel
Das Rätsel der Kornkreise - von Adam Parsons


Seit in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Öffentlichkeit auf die geheimnisvollen Kreise in Getreidefeldern aufmerksam wurde, sind, in fast jedem Land der Welt verstreut, über zehntausend Piktogramme oder "Agroglyphen" entdeckt worden. In Südengland, in der Grafschaft Wiltshire, tauchen jedes Jahr, meist in den Sommernächten, Hunderte dieser Gebilde auf, die häufig so komplex sind, dass selbst Mathematikprofessoren vor einem Rätsel stehen. Sie sind mitunter Hunderte von Metern lang oder breit und folgen in der Anordnung ihrer Muster präzisen geometrischen Gesetzen.
Die britische Regierung hat sie offiziell als dumme Streiche bezeichnet, zahllose Dokumentarfilme und Zeitungen haben sie als Blödsinn abgetan, und dennoch strömen jedes Jahr Tausende von Besuchern nach Wiltshire, um dieses einmalige Phänomen selbst zu erleben.
Die A 345 entlang, in Beckhampton über den Kreisverkehr, am Waggon-and-Horses-Pub vorbei – und vor mir liegt das Silent-Circle-Café. Für alle, die jeden Sommer Wiltshire besuchen, ist es ein unerlässlicher Zwischenhalt auf der Kornkreis-Route. Sobald sich am noch kühlen, frühen Morgen die Türen öffnen, sieht man draußen schon die Kornkreis-Enthusiasten aus allen Gegenden der Welt, die mit großen Lageplänen und Thermoskannen mit heißem Kaffee in ihren gemieteten Minibussen hocken. An diesem Tag im Sommer 2005 war ich einer von ihnen.
Um zehn Uhr brummte das Café vom Stimmengewirr der Besucher in Anoraks und Wanderschuhen, die vor der heutigen ersten Runde der Kornkreis-Jagd noch ein paar Tassen Tee tranken. Nach einer großen, mit Stecknadeln markierten Karte an der Wand gab es in den Feldern jenseits des Cafés mindestens zwanzig Kornkreise und Dutzende weitere in der weitläufigen Landschaft. Sollte es wirklich so leicht sein? Ich war darauf vorbereitet, ein bis zwei Nächte auf den Hügeln zu verbringen und den Himmel mit dem Feldstecher nach hellen Lichtern abzusuchen, aber nach den Worten von Charles Mallet, dem jungen Cafébesitzer, ist die Kornkreisjagd heute aktiver und populärer denn je.
Der Begriff "Kornkreis" wurde Ende der achtziger Jahre von Colin Andrews und Pat Delgado geprägt, den ersten Forschern, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Phänomene in der britischen Landschaft lenkten. In ihrem 1989 erschienenen Bestseller Circular Evidence, der 1990 unter dem Titel Kreisrunde Zeichen bei Zweitausendeins erschien, verglichen Andrews und Delgado sehr ausführlich die verschiedenen Strukturen flach gedrückter Getreidewirbel, die man Ende der siebziger Jahre in der Anordnung einfacher Kreise entdeckt hatte und die sich bis Ende der achtziger Jahre zu wunderschönen, sehr komplexen und verblüffenden Mustern entwickelt hatten.
Viele der Formationen, die man fand – von strahlenförmigen bis zu mehrschichtigen Mustern und "G"- oder "S"-förmigen Wirbeln –, konnten ihrer Struktur nach eigentlich nur auf einen Schlag flach gedrückt worden sein. Und dann die erstaunlich präzise abgegrenzten "Außenwände", die Ringe und Pfade, die unterschiedlich angelegten Zentren und Spiralen – ohne einen einzigen Halm zu beschädigen?
Pat Delgado sprach von goldenen scheibenförmigen Objekten, die am Himmel beobachtet wurden, von Tonbandgeräten, die nie gehörte Geräusche aufnahmen, von Kräften, die bei Pendelversuchen auf die Arme überzugehen schienen, von Bodenmustern, die "sich von Menschenhand nicht wiederholen lassen", und von einem unbekannten Kraftfeld und einer unbekannten Intelligenz. Allein 1988 wurden im Zeitraum von acht Wochen 200 Kreise gemeldet, und 51 davon wurden in der Nähe von Silbury Hill (bei Avebury in Wiltshire) gefunden, einem der ältesten von Menschen errichteten Erdwälle der Welt.
Dann, im Sommer 1990, geschah etwas Außergewöhnliches. In den East Fields von Alton Barnes, den zurzeit berühmtesten Kornkreis-Feldern der Welt, entdeckte ein verblüffter Bauer eine Formation, die länger als ein Jumbo-Jet war. Der Begriff "Kornkreis", obwohl er für ein lang gestrecktes Muster etwas unangemessen war, drang jetzt plötzlich wieder ins öffentliche Bewusstsein.
In Scharen strömten die ersten Kornkreis-Enthusiasten nach Wiltshire, bis ein ganz und gar menschliches Element hinzukam – Fälscher. Auf dem Höhepunkt des Medieninteresses im Jahre 1990 sponserten die BBC und Nippon TV, unter dem Namen Operation Blackbird, eine 24-stündige Nachtwache in Bratton Castle in Wiltshire, um zu versuchen, die Entstehung eines Kornkreises einzufangen. Das Projekt sollte drei Wochen dauern, unter ständiger Überwachung rund um die Uhr, massiver Medienberichterstattung und einem starken Aufgebot von Militär mit Infrarot-, Nachtsicht- und Radargeräten.
Überraschenderweise wurde schon am zweiten Tag ein Kornkreis entdeckt. Colin Andrews, inzwischen die führende Kornkreis-Autorität, wurde umgehend um ein Statement gebeten, beging aber den schwerwiegenden Fehler, dass er ein Ereignis "von großer Bedeutung" ankündigte, bevor er und Delgado die Formation überhaupt besucht hatten. Es war ein Fälschung, und eine fürchterliche obendrein – ein finsteres okkultes Brettspiel mit plumpen Tierkreiszeichen darin. Zur Mittagszeit war Andrews bereits zur Zielscheibe landesweiten Spottes geworden, die Öffentlichkeit wurde veranlasst, die Kornkreise mit dummen Streichen zu assoziieren, und eine ernste Frage stellte sich: Warum sollten die Regierung und die Medien so viel Geld ausgeben, um ein derart harmloses Geheimnis zu entschärfen?
Am zehnten Tag der Nachtwachen behauptete Andrews, dass ein authentischer Kreis entdeckt worden sei, aber die britische Regierung verhängte für die nächsten vier Stunden für Fernsehkameras eine so genannte D-Notice (eine Auskunftssperre, die es ihr erlaubte, jede Medienberichterstattung zu verbieten), und später händigten die Behörden Andrews ein leeres Band des Filmmaterials aus. Das warf natürlich eine weitere Frage auf: Was also versucht die Regierung zu verbergen?
Im September 1991, nur einen Tag nach der ersten internationalen Kornkreis-Konferenz in Glastonbury, traten die zwei berühmtesten Fälscher an die Öffentlichkeit: Doug Bower und der inzwischen verstorbene Dave Chorley. Unter der Schlagzeile "Die Männer, die die Welt reinlegten" stellte ein Boulevardblatt diese beiden exzentrischen Männer in ihren Sechzigern als die einzigen Urheber des ganzen Konkreis-Rätsels dar, das sie unter Verwendung einfacher Bretter, Stricke und einer speziell abgeänderten Baseballmütze bewerkstelligt haben sollen.
Was Bower und Chorley allerdings zu erklären versäumten, war, wie sie gleichzeitig an verschiedenen Orten sein und auf der ganzen Welt Kornkreise produzieren konnten, und wie ihre simple Brettermethode auch in Gras, Disteln, Wintersaaten wie rote Beete und Kohl, unter Wasser in Reisfeldern, wie es in Japan geschah, und sogar in Baumkronen, auf einem leicht zugefrorenen See und in über 4000 Meter Höhe in den schneebedeckten Bergen Afghanistans funktionierte? Für den Großteil des unbeteiligten Publikums war dies das Ende eines Scherzes von betrunkenen Bauern, aber wer immer es war, der weiterhin die zudem immer komplizierteren Formationen zustande brachte – für den konnte dies erst der Anfang gewesen sein.
Bis 1996 wurden weltweit über 8000 Formationen gemeldet, die jedes Jahr an Komplexität zunahmen und alle Erwartungen überstiegen. Dann machte das Phänomen einen weiteren Sprung, der auf der ganzen Welt Aufsehen erregte. Um 17.15 Uhr an einem Frühsommerabend im Juli 1996 flog ein Pilot der britischen Luftwaffe über die Felder beim historischen Stonehenge-Gelände, gleich neben der belebtesten Straße von Wiltshire. Indem er Stonehenge als Orientierungspunkt für einen Rundflug benutzte, steuerte er um 18 Uhr wieder zurück und protokollierte offiziell eines der verblüffendsten Muster, das plötzlich wie aus dem Nichts in den Feldern unter ihm aufgetaucht war, es war Hunderte von Metern lang und von phantastischer Komplexität. Es wurde später der Julia-Set genannt (wegen seiner Ähnlichkeit mit fraktalen Formen, den so genannten Julia-Mengen, nach dem französischen Mathematiker Gaston Julia) und brach alle Rekorde: die längste, komplizierteste Anordnung, die je gesehen wurde, und die erste, die bei Tageslicht geschaffen wurde – einem Stonehenge-Wächter zufolge im Zeitraum von etwa fünfzehn Minuten. Für Mathematiker und Geometer sah es wie ein computergesteuertes Fraktal-Muster aus, ein Motiv, das sich unbegrenzt wiederholt, während es sich jedes Mal verkleinert.
Angeblich soll der Bauer den Besuchern den Zugang verwehrt und die betrunkenen Strolche verflucht haben, bis ihm jemand ein Luftbild zeigte, woraufhin er ausrief: "Menschen können so was nicht machen!" Bis zum heutigen Tag halten viele Menschen das für die schönste Kornkreis-Formation aller Zeiten, obwohl kurz darauf ein dreifacher Julia-Set entdeckt wurde und später dann das außerordentliche "Catherine Wheel", das eine Mischung der beiden anderen darstellte – mit über 400 fehlerfreien Kreisen und mit einer neuen Rekordweite von über 300 Metern.
Zellveränderungen
Allerdings wussten viele Menschen damals noch nicht, dass das, was man innerhalb dieser Formationen fand, genauso eindrucksvoll sein konnte wie das ganze Muster, von oben gesehen. William Levengood, ein angesehener amerikanischer Wissenschaftler, hat lange die betroffenen Pflanzen innerhalb der Kornkreise untersucht, bevor er zu einigen verblüffenden Schlussfolgerungen kam. Er entdeckte deutliche Zellveränderungen in "echten" Formationen, die die nachgemachten Kreise nicht aufwiesen; die Pflanzen in den Kornkreisen wurden bis zu vierzig Prozent größer, vierzig Prozent stärker, mit deutlich gesünderem Korn, und der Weizen wuchs entweder sehr schnell oder in einem unerklärlich langsamen Tempo.
Er entdeckte knotenartige Erweiterungen in den Getreidestängeln und häufig auch aufgeplatzte Höhlungen, die nur bei einer schnellen, breitflächigen Erhitzung entstehen konnten. Diese Untersuchung kommt der Entdeckung eines "Lackmus-Tests" zur Unterscheidung einer echten Formation von einer Fälschung am nächsten; in echten Kreisen sind die Pflanzenstängel auf rätselhafte Weise gebogen, wobei sie unverletzt bleiben und weiterwachsen, während die Getreidestängel in nachgemachten Formationen ausnahmslos von den Brettern zerquetscht werden.
Levengood fand in einigen Formationen auch magnetisches Material, wie es erst vor kurzem in Meteoriten entdeckt wurde. Seine umstrittene Annahme war, dass eine unbekannte Mikrowellen-Energie für die echten Muster verantwortlich gewesen sei, und dass "Energien von außerhalb unseres Planeten an der Konstruktion der Kornkreise beteiligt sein müssen"...



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