Die soziale Revolution in Venezuela

von Patricia Pitchon


Venezuela durchlebt zur Zeit einen tiefgreifenden sozialen Wandel, der viele freut und einige beunruhigt. Die Veränderungen haben sowohl wichtige politische und wirtschaftliche als auch soziale Auswirkungen, da Präsident Hugo Chavez die Absicht hat, den Übergang von einer zutiefst ungleichen Gesellschaft, die auf einem neoliberalen Wirtschaftsmodell basiert, zu einem sozialistischen Modell zu schaffen. Er hofft, dadurch das Leben der Armen zu verbessern. Die Ablehnung des neoliberalen Modells ist zum Teil auf die katastrophale Verarmung der venezolanischen Bevölkerung nach dem Ende des letzten Ölbooms in den späten 1980er Jahren zurückzuführen. Von da an stieg der Anteil der armen Bevölkerung von 28 bis auf 68 Prozent im Jahr 2003. In den Industrienationen versteht man oft nicht, dass Entwicklungsländer für große soziale und wirtschaftliche Erschütterungen sehr anfällig sind, vor allem, wenn sie abhängig von ein oder zwei wichtigen Exportgütern sind, wenn die Ungleichheit der Einkommen akut ist und soziale Institutionen schwach entwickelt sind...

Die Arbeiterselbstverwaltung wird durch ein Fortbildungsprogramm stark gefördert. Auch auf ehemaligem Großgrundbesitz auf dem Land schließen sich viele zu landwirtschaftlichen Genossenschaften zusammen. Zunächst gab es Spannungen zwischen den Behörden und der traditionellen Genossenschaftsbewegung aus der Zeit vor Chavez. Diese hatte bisher vornehmlich neue Genossenschaften gefördert und ihnen Zuschüsse gegeben, obwohl die Mitglieder keine Erfahrung und keine Ausbildung hatten. Inzwischen hat sich aber die Beziehung zwischen ihnen und den Behörden verbessert.

Da Chavez ungeduldig war und die Bürokratie umging, entstanden im Jahr 2004 mehr als 40 000 Genossenschaften und 2005 weitere 30 000. Von Dezember 2004 bis Mai 2005 absolvierten über 250 000 Studenten Schnellkurse in Geschichte, Technik und Management, in denen auch staatsbürgerliche und genossenschaftliche Werte vermittelt wurden. Anschließend gründeten rund 195 000 Studenten zirka 7500 neue Genossenschaften. Angesichts der Unerfahrenheit vieler dieser Studenten werden einige misslingen, andere erfolgreich sein. Doch als großes soziales Experiment zur Förderung der Selbstbestimmung könnte es vielleicht nicht nur für Venezuela, sondern auch für viele andere Entwicklungsländer Modellcharakter haben...

Durch die Einführung von Nachbarschaftsräten können viele Menschen sich erstmals in einem politischen Prozess engagieren, der nicht nur Wahlen, sondern auch Problemlösung an der Basis bedeutet. Auf diese Weise werden die Menschen in ihrem Verantwortungsgefühl bestärkt und lernen, sich mit den lokalen Problemen zu befassen und lokale Lösungen zu finden. Natürlich wird es bei diesen sozialen und politischen Prozessen viele Varianten geben, und sie sind sicher noch in einem Experimentierstadium. Aber auf diesem Wege können die Armen, die Bedürftigen und Teile der unteren Mittelschicht ein Gefühl der Einbindung in das Schicksal ihres Landes entwickeln.
Es ist der Beginn einer basisdemokratischen Bewegung und einer Transformation der Machtstrukturen. Um einen Nachbarschaftsrat aufzustellen, wird zunächst von rund 200 bis 400 Familien in einer Gemeinde eine Versammlung einberufen, und anschließend wird die gesamte Gemeinde von Haus zu Haus eingeladen, daran teilzunehmen. Dabei wird jeder gebeten, 20 Menschen für ein Promotorenteam zu wählen. Dieses führt dann in der Kommune eine Volkszählung durch und erstellt Berichte über lokale Probleme. Bei den anschließenden Gemeinderatswahlen werden etwa 13 Kandidaten für Zuständigkeitsbereiche wie Technologie, Bildung, Sicherheit, Gesundheit und so weiter aufgestellt. Vorstand, Aufsichtsrat und Finanzausschuss werden ebenfalls gewählt. Viele sehen in diesen Gemeinderäten das Grundelement der neuen Gesellschaft.

Venezuela hat etwa 26 Millionen Einwohner, viele leben in den wenigen großen Städten. Inzwischen gibt es nicht nur in den Städten, sondern im ganzen Land bereits mehr als 15 000 Gemeinderäte. Das bedeutet, dass auch schutzbedürftigere und isoliertere Gemeinden, die bisher von den Politikern aus der Stadt immer ignoriert wurden, mit einbezogen werden.
Es gibt eine interessante Geschichte über ein Dorf hoch oben in den Anden, das etwa drei Stunden Autofahrt von der Stadt Merida entfernt in einer atemberaubenden Gebirgslandschaft liegt: Ein ehemaliger Regierungsbeamter berichtet, dass dieses relativ abgelegene Dorf bereits durch Rechtsberater einer unabhängigen NGO über das Wahlverfahren informiert war, als die Regierungsvertreter ankamen, um ihnen bei der Bildung eines Gemeinderats behilflich zu sein. Eigentlich wollten die Beamten das Promotorenteam aufstellen, aber die Dorfbevölkerung erklärte ihnen, dass sie die neuen Verfahren verstanden hätte und deshalb das Team und die Ratsmitglieder selbst wählen würde. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass es einerseits Zeit braucht, alte Gewohnheiten zu ändern (Beamte sind es gewohnt, der Bevölkerung zu sagen, was sie zu tun hat), und dass andererseits tatsächlich neue Strukturen entstehen (die Dorfbewohner werden selbstbewusster).

In Venezuela gibt es viele Widersprüche zwischen der traditionellen Bürokratie und neuen, dynamischeren Strukturen, sodass derzeit zwischen ihnen noch eine gewisse Spannung besteht. Soziale Revolutionen gehen selten ordentlich vor sich, und einige Sorgen sind sicher berechtigt. Dennoch sind die unzähligen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Experimente eine echte Alternative zu der bisherigen Politik, die sich nicht um die Grundbedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung gekümmert hat.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Magazinausgabe von Share International, März 2008.


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